Zwei neue CDs:
LICHT!
Hildegard von Bingen/Arr. Christina Meißner und solo Cello
John Palmer Komposition Lux-Tetralogie
Release am 24.4.2026
Wo bin ich?
Christina Meißner: Komposition, Cello, Stimme, Elektronik
Release am 27.2.2026
Zwei neue CDs:
LICHT!
Hildegard von Bingen/Arr. Christina Meißner und solo Cello
John Palmer Komposition Lux-Tetralogie
Release am 24.4.2026
Wo bin ich?
Christina Meißner: Komposition, Cello, Stimme, Elektronik
Release am 27.2.2026
Buchpräsentation anlässlich der Befreiung des KZ Buchenwald vor 80 Jahren Christian Rothe – „BUCHENWALD – Im Dickicht vom Ettersberg“
zusammen mit Claudia Buder Akkordeon (farve contorno)
zamus: early music festival, zusammen mit Lichtkunst (Jörg Becker)
Uraufführung John Palmer Lux Obscura
IRRLICHTER
klangwerk am bauhaus
Zwei Uraufführungen:
Marcus Aydintan: Irrlichter
Peter Helmut Lang: Das letzte Gesicht
Vortrag von W. Daniel Wilson (London): Dr. Fausts Höllenzwang
solo
Uraufführung John Palmer LUX SERENA
DIE GROSSE REISE – EIN MELODRAM FÜR DIE GEGENWART Uraufführung
Kunstfest, klangwerk am bauhaus
sopra die noi...
mit dem Ensemble Reflexion K
sopra die noi...
mit dem Ensemble Reflexion K
Festival Klangwerkstatt Berlin
opening Festival, farve contorno (Duo mit Akkordeon)
Uraufführung Chaya Czernowin Gradual Edge, Version für Cello und Akkordeon
solo
entfällt
Ensemble klangwerk am bauhaus
Uraufführung Chaya Czernowin, Adiantum Capillus Veneris III, Cello solo
solo
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solo
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solo
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solo
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solo
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Duo mit Martin Sturm Orgel
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Duo mit Martin Sturm Orgel
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solo
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solo
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solo
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Duo (farve contorno) mit Claudia Buder Akkordeon
entfällt
Gebet des Klanges III - zum 90. Geburtstag von Sofia Gubaidulina (Sieben Worte)
Kunstfest Weimar, Herz-Jesu-Kirche
Kammerorchester Staatskapelle Weimar, Soli Christina Meißner und Claudia Buder
solo
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Vernissage
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solo
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solo
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Duo mit Orgel
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solo
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CD-Release-Konzert: ISPARIZ. eine Vision
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solo
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solo
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solo
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solo
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Duo mit Orgel
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solo
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Duo mit Akkordeon
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klangwerk am bauhaus
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solo
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solo
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Duo mit Klavier
entfällt
Duo mit Klavier
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Duo mit Klavier
entfällt
klangwerk am bauhaus
entfällt
Duo mit Noa Frenkel
(TerraCellum)
Vernissage
(Das Bauhaus in Bildern)
Vernissage
(Wieland Schmiedel)
farve contorno, duo mit Akkordeon
(Claudia Buder)
duo mit Orgel
(Poul Skjølstrup Larsen)
duo mit Orgel
(Poul Skjølstrup Larsen)
duo mit Gesang
(Noa Frenkel - Den Haag)
solo mit Lesung
(Dorothea Baltzer)
solo mit Lesung
(Dorothea Baltzer)
Gesänge der Hildegard von Bingen und neue Kompositionen im Dialog
Christina Meißner: Cello, Stimme und Arrangements
John Palmer: Komposition
Sargasso Katalognummer SCD28098
www.sargasso.com
Cum erubuerint
Hildegard von Bingen/Christina Meißner
Lux Vivens
John Palmer
O deus, quis es tu
Hildegard von Bingen/Christina Meißner
Lux Ardens
John Palmer
Karitas habundat
Hildegard von Bingen/Christina Meißner
Lux Obscura
John Palmer
O rubor sanguinis
Hildegard von Bingen/Christina Meißner
Lux Serena
John Palmer
Aer enim volat
Hildegard von Bingen/Christina Meißner
Aufgenommen von John Palmer in der Zionskirche Bethel, Bielefeld und in der Versöhnungskirche, Stuttgart, Deutschland.
Produziert von John Palmer im Vision Studio, Stuttgart.
Barbara Stühlmeyer, 15.5.26
Mit LICHT! ist der Cellistin Christina Meißner eine Aufnahme von seltener Intensität gelungen – ein Album, das nicht einfach gehört, sondern durchschritten wird wie ein spiritueller Raum aus Klang, Atem, Schatten und innerem Leuchten. Gemeinsam mit dem zeitgenössischen Komponisten John Palmer eröffnet sie einen Dialog über die Jahrhunderte hinweg, in dessen Zentrum die Visionen Hildegard von Bingens stehen: Visionen von Licht, Verwandlung, Trost und Transzendenz. Schon die ersten Töne von Cum erubuerint ziehen den Hörer in einen Zustand schwebender Wachheit hinein. Meißners Stimme legt sich wie ein zarter Schatten über den warm leuchtenden Celloklang, bis beide Ebenen nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Hier entsteht etwas Außergewöhnliches: Klang wird nicht bloß interpretiert, sondern verwandelt sich in einen Ort der Begegnung zwischen Mittelalter und Gegenwart, Körper und Geist, Sichtbarem und Unsichtbarem. Die Größe dieser Einspielung liegt gerade darin, dass sie sich jeder bloßen Gegenüberstellung von alter und neuer Musik entzieht. Palmers Lux-Tetralogie – Lux Vivens, Lux Ardens, Lux Obscura und Lux Serena – wirkt nicht wie ein Kommentar zu Hildegard, sondern wie eine Fortsetzung ihres visionären Denkens mit den Mitteln heutiger Klangsprache. Die Musik tastet sich an Grenzbereiche der Wahrnehmung heran: flirrende Mikrointervalle, eruptive Klanggesten, dunkle Resonanzen und fragile Ruhepunkte bilden ein Prisma aus Licht und Schatten. Dabei entfaltet jede Komposition ihren eigenen spirituellen Zustand – vom strahlenden Aufbruch über brennende Intensität bis hin zu jenem geheimnisvollen Dunkel, in dem Licht erst seine eigentliche Tiefe gewinnt. Besonders beeindruckend ist, wie organisch Christina Meißner beide Welten miteinander verbindet. Ihr Spiel besitzt eine beinahe physische Ausdruckskraft und zugleich eine große Innigkeit. Die erweiterten Spieltechniken wirken niemals experimentell um ihrer selbst willen; vielmehr scheinen sie aus dem Innersten der Musik hervorzuwachsen. Jeder Ton trägt Bedeutung, jede Geste wird zum Ausdruck existenzieller Suche. Dass Meißner zugleich singt und spielt, hebt die gewohnte Trennung zwischen Stimme und Instrument auf. Das Cello beginnt zu atmen, die Stimme beginnt zu schwingen wie ein weiteres Saitenregister – eine faszinierende Einheit aus Klang und Resonanz. Dabei entwickelt LICHT! eine erstaunliche emotionale Spannweite. In Lux Ardens lodern Klangblitze durch die Dunkelheit wie innere Feuer der Ekstase oder Verzweiflung. Lux Obscura führt in Regionen des Geräuschhaften und Abgründigen, wo sich Licht nur noch als Erinnerung oder Ahnung zeigt. Umso berührender wirken dann Hildegards Gesänge, deren melodische Schlichtheit wie ein warmer Gegenpol erscheint – nicht naiv, sondern von tiefer menschlicher Erfahrung getragen. Und schließlich öffnet Lux Serena einen Raum fragiler Gelassenheit: keine triumphierende Erlösung, sondern ein tastendes, stilles Weitergehen ins Offene. Die Aufnahme besitzt dabei eine beinahe liturgische Atmosphäre. Die Kirchenräume von Bethel-Bielefeld und Stuttgart werden selbst zu Resonanzkörpern dieser Musik. Man hört nicht nur Töne, sondern Räume, Nachhall, Stille – jene kostbaren Zwischenräume, in denen sich das Unsagbare andeutet. LICHT! ist weit mehr als ein Konzeptalbum über Licht. Es ist eine Meditation über die menschliche Sehnsucht nach Sinn, Trost und innerer Verwandlung in einer zerrissenen Welt. Christina Meißner und John Palmer gelingt das seltene Kunststück, Musik zugleich hochreflektiert und zutiefst unmittelbar erfahrbar zu machen. Diese Aufnahme führt nicht aus der Realität hinaus, sondern lässt sie in neuem Licht erscheinen – geheimnisvoller, verletzlicher und zugleich hoffnungsvoller. So bleibt am Ende nicht das Gefühl eines abgeschlossenen Werkes, sondern einer geöffneten Tür: hinein in einen Klangraum, in dem Licht und Schatten, Vergangenheit und Gegenwart, Spiritualität und Gegenwartskunst auf magische Weise eins werden.
kündigt mit großer Freude die Veröffentlichung von LICHT! an, einer eindringlichen und tief reflektierten neuen Einspielung der Cellistin Christina Meißner, die die visionären Gesänge Hildegard von Bingens (1098–1179) in einen Dialog mit einer neu entstandenen Tetralogie des zeitgenössischen Komponisten John Palmer bringt.
LICHT!
Transzendenz ins Magische – Licht als Klang, Schatten und spirituelle Resonanz
Nach ihrer vielbeachteten Veröffentlichung ISPARIZ. eine Vision setzt Meißner ihre Auseinandersetzung mit Hildegards Klangkosmos fort und eröffnet neue Verbindungen zwischen mittelalterlicher Spiritualität und zeitgenössischer Musiksprache. Das Ergebnis ist ein immersives Hörerlebnis, das die Intensität einer Live-Aufführung widerspiegelt, in der die Zeit stillzustehen scheint und Klang zum Raum der Begegnung wird.
Im Zentrum dieses Projekts steht ein gemeinsamer spiritueller Impuls, der Jahrhunderte überbrückt: die Suche nach Erleuchtung, nach innerem und äußerem Licht und nach Sinn jenseits der Unmittelbarkeit des Alltags. Hildegards ekstatische, visionäre Melodien begegnen Palmers unverwechselbarer Klangwelt und formen einen Transformationszyklus, in dem Licht als Metapher, als Material und als gelebte Erfahrung erscheint.Meißners einzigartiger Ansatz hebt die traditionelle Hierarchie zwischen Stimme und Instrument auf. In ihren Bearbeitungen von Hildegards Gesängen werden Cello und Stimme zu gleichwertigen, ineinander verwobenen Klanggestalten: Atem, Resonanz und Geste entfalten sich in einem gemeinsamen klanglichen Raum. Subtile zeitliche Verschiebungen und eine feine Sensibilität für Klangfarbe schaffen eine lebendige, organische Textur, in der Klang fortwährend neu bestimmt wird.
Als Rahmen dieser Neuimaginationsprozesse erkunden John Palmers Lux Vivens, Lux Ardens, Lux Obscura und Lux Serena, eigens für Meißner komponiert, das Licht als Bedingung von Wahrnehmung und Verwandlung. Jedes Werk entfaltet einen eigenen klanglichen und spirituellen Zustand, inspiriert von Hildegards Visionen: von strahlendem Hervortreten über brennende Intensität bis hin zu verschatteter Tiefe und fragiler Gelassenheit. Unter Einbeziehung erweiterter Spieltechniken und in enger künstlerischer Zusammenarbeit mit der Cellistin entwickelt sich Palmers Musik zu einem Prisma aus Licht und Resonanz, in dem Klang sowohl als physische Präsenz als auch als metaphysische Reflexion erfahrbar wird.
Die Aufnahme durchläuft Zyklen von Erhellung und Verdunkelung, von Erscheinung und Auflösung. Licht ist hier nicht bloß Helligkeit, sondern eine Schwelle, untrennbar verbunden mit Schatten, mit Ungewissheit und mit dem Unbekannten. In diesem Wechselspiel wird LICHT! nicht zur Darstellung von Licht, sondern zu einer Einladung, dessen Entfaltung zu erleben: als Schwingung, als Energie und als gemeinsamer Akt des Hörens.
Christina Meißner: Komposition, Cello, Stimme, Elektronik
John Palmer: Aufnahme und Produktion, Vision Studio, Heilbronn/Stuttgart
Auftragswerk des Deutschlandfunks, Frank Kämpfer, Atelier neuer Musik
Sargasso SCD28097, www.sargasso.com
Yvonne Petitpierre
Bereits mit den ersten Tönen wird eine sehr ungewöhnliche Klangerfahrung erlebbar, die unmittelbar aufhorchen lässt. Irritation mag eine erste Reaktion sein, die aber schnell eine eigensinnige Artikulation erkennen lässt. Diese Einspielung ist als Antwort auf den Lockdown während der Corona-Pandemie im Auftrag des Deutschlandfunks entstanden. Die Cellistin Christina Meißner beschreibt die knapp 45-minütige Komposition Wo bin ich? nicht nur als unbeantwortbare Frage, sondern als
«akusmatisches» Werk, das inspiriert durch einen gleichnamigen Essay des französischen Philosophen und Soziologen Bruno Latour ist. Mit seiner fundamentalen Frage nach einer individuell wahrgenommenen Standortbestimmung wollen «Tiefenschichten einer existentiellen Selbstverortung verfolgt werden», wie Meißner
betont. Musikalisch thematisiert sie die Zeit der Isolation als eine klangliche Feldforschung, an der neben dem Cello auch ihre eigene Stimme und Elektronik beteiligt sind. Eine Kurzgeschichte diente Meißner als weitere Quelle, wobei die fragmentierte und neu gesetzte weibliche Stimme einer Sprachaufnahme eigenes Material lieferte. Man muss sehr genau und aufmerksam zuhören, um den permanent wechselnden, mikroskopisch eingesetzten Spiel- und Stimmtechniken zu folgen. Das Ohr wird mit Klängen konfrontiert, die meist wie eine kurze Geste wirken und sofort wieder verschwinden. Im Kontext der Beschränkung auf engsten Raum geht es Meißner um Sprachlosigkeit, Erstarrung, Entfremdung, aber auch um die Suche nach einem Moment des Lebendigen, quasi als «Klangabdruck eines stillstehenden Lebens». In den Mittelpunkt rücken kleinste dynamische Brüche und Veränderungen, die oft vibrieren oder für farbliche Abwechslung sorgen.
Nach einer melodischen Dramaturgie sollte man nicht suchen, dafür nach dem Entstehen und Verschwinden von Klängen. Cellosaiten, Holz, Luft und Atem gehen immer wieder neue Konstellationen ein und entwickeln durch das vielschichtige gegen-
seitige Erspüren im Laufe der Zeit eine sogartige Atmosphäre. Minimalistische Bogenstriche und Druckverhältnisse der Finger schaffen Raum für unvorhersehbare akustische Eindrücke abseits jeglicher Intention. Platz greifen auch Momente mehr-
deutiger Stille, die eine gewisse Struktur der kompositorischen Gesamtchoreografie schafft. Nach einiger Zeit des Hörens stellt sich trotz der engmaschig aufflackernden Klangereignisse eine fast merkwürdige, nahezu meditative Ruhe ein.
Die Lektüre des begleitenden Booklets sei dringend empfohlen, denn Autorin Alice Lagaay liefert teilweise philosophisch anmutende Anregungen rund um eine differen-
zierte Form der Aufmerksamkeit und Christina Meißner Einblicke in den Entstehungsprozess dieser subtilen, in manchen Momenten auch nervenaufreibenden Klangreise.
Wenn man genügend Ruhe und Geduld aufbringt, entpuppt sich die Aufnahme als eine lohnende und bereichernde akustische Grenzerfahrung, die zur Schärfung der Sinne
beiträgt. Die Kunst des Hörens gewinnt hier eine Dimension äußerster Fokussierung auf den Moment.
Ecki Ramón Weber
Ein einziges vierzig-minütiges Stück ist auf diesem Album. Der Titel: „Wo bin ich?“ Entstanden 2023, wurde er 2025 überarbeitet. Selbstgestellte Arbeitsaufgabe: „Ein Zentimeter Spielraum. Was würde das Cello innerhalb dieser Grenze preisgeben?“, so die Komponistin und Cellistin Christina Meißner. Ihr Instrument setzt die Künstlerin mit experimentellen, ausgeweiteten Spieltechniken ein, ihr zusätzlicher Vokaleinsatz ist nicht weniger weitgefächert. Vor allem die Materialität bei der Erzeugung der akustischen Gestalten, die vielen Möglichkeiten der Reibungen des Bogens an den Saiten und die taktile Erkundung des Instruments bestimmen das Geschehen, aber auch die Artikulationen der menschlichen Stimme und des Atems. Hinzu tritt eine elektroakustische Schicht. Sympathisch in diesem Werk ist, dass es nie um virtuoses Herausstellen geht. Es sind Klänge des Innen, des Intimen, der Nähe, aber auch der Ferne. In ihren subtilen Entwicklungen und brüsken Umschwüngen lädt diese Musik zur Konzentration ein. Mit Sogwirkung.
freut sich sehr, die Veröffentlichung von Wo bin ich? bekanntzugeben, einer akusmatischen Arbeit von außergewöhnlicher Konzentration der Cellistin und Komponistin Christina Meißner, entstanden während des COVID-19-Lockdowns als Auftragswerk für den Deutschlandfunk. Ausgangspunkt ist ein Essay von Bruno Latour, der die Frage „Wo bin ich?“ nicht als Distanz zur Welt, sondern als radikale Nähe versteht, als aufmerksames Hinhören auf das unmittelbar Gegebene.
Diese Perspektive überträgt Meißner auf ihr Instrument durch eine strenge physische Beschränkung: einen Spielraum von einem Zentimeter. Innerhalb dieses minimalen Bereichs entstehen aus mikroskopischen Bogenbewegungen, feinsten Druckveränderungen und kaum wahrnehmbaren Kontaktverschiebungen dichte und unvorhersehbare Klangkonstellationen. Die Klänge treten nicht als expressive Gesten auf, sondern als autonome Partikel, die Isolation nicht erzählen, sondern als klangliche Spur tragen.
Als international profilierte Interpretin zeitgenössischer Musik und enge Partnerin zahlreicher Komponistinnen und Komponisten legt Christina Meißner hier ihre erste großformatige eigene Komposition vor. Sie begreift das Cello zugleich als Instrument und Forschungsraum, als Ort konzentrierten Hörens. Fragmentierte Spuren einer Stimme erscheinen lediglich als Klangmaterial und erweitern den akusmatischen Raum ohne narrative Funktion. Der Titel formuliert keine Aussage, sondern markiert eine Hörhaltung. Was aus äußerster Begrenzung entsteht, entfaltet sich im Hören zu Resonanz und räumlicher Weite und erinnert daran, dass selbst der kleinste Raum ein ganzes Universum enthalten kann.
Die alten Gesänge der Hildegard von Bingen und Sofia Gubaidulina von der Cellistin für Cello solo arrangiert, neue Werke für Hildegard und das Cello von Lisa Streich, Esaias Järnegard, Martin Rane Bauck und Joseph Andrew Lake im Dialog.
Max Nyffeler
Beckmesser’s Choice
Ausgewählte Scheiben neuer Musik
Huldigung an Hildegard
Die CDs der Weimarer Cellistin Christina Meißner zeichnen sich durch eine originelle, oft thematisch gebundene Werkauswahl aus. 2008 standen Bach, Elliott Carter und Artur Schnabel neben Arrangements von mittelalterlichen Troubadourgesängen. Und auch ihre neueste, in einem Kirchenraum aufgenommene CD-Produktion blickt nun auf das zwölfte Jahrhundert zurück. Unter dem Titel „Ispariz“ („Geist“) vereinigt sie sechs Kompositionen, die sich alle in irgendeiner Weise auf Hildegard beziehen und mit Originalmelodien der komponierenden Heiligen abwechseln. Wobei das Wort „original“ mit Vorsicht zu genießen ist; die Wissenschaft ist geteilter Meinung über die Echtheit vieler ihr zugeschriebener Stücke. Aber sei’s drum. Wie die Cellistin mit diesen Vorlagen umgeht, verrät eine große Souveränität in der Gestaltung der Linie. Sie führt einen lebendigen Dialog mit dem Raum. Konzentriert horcht sie den Klängen nach, die sich schwebend, im ruhigen Rhythmus des Atems, im Raum ausbreiten. Eine meditative, entspannte Atmosphäre prägt auch die Interpretation der neuen Stücke. Sie stammen von Sofia Gubaidulina, Esaias Järnegard, Martin Rane Bauck, Joseph Andrew Lake und Lisa Streich. Letztere ist gleich mit zwei Werken vertreten. Sie und die Cellistin sind offensichtlich Geistesverwandte, denn die Stücke der drei Männer kamen auf Streichs Empfehlung in dieses Doppelalbum.
ISPARIZ – eine Vision, Christina Meißner, Violoncello, Altenburg: Querstand, 2020.
Dirk Wieschollek
Nachrichten aus dem Inneren
Neuerscheinungen zeitgenössischer Musik zwischen Kontemplation und Experiment
Die Weimarer Cellistin Christina Meißner bringt mit schöner Regelmäßigkeit alte und neue Musik in beziehungsreich kreierten Solo-Programmen zusammen. Ihre aktuelle Auseinandersetzung mit Hildegard von Bingen verkörpert gleich in doppelter Weise einen Gegenentwurf zur momentanen Reizüberflutung in Leben und Kunst: Meißner hat zum einen Gesänge der komponierenden Universalgelehrten atmosphärisch gewinnbringend für ihr Instrument eingerichtet. Diese bilden dann in „Ispariz“ („Geist“ in Bingens „Lingua Ignota“) die spirituelle Basis für kontemplative Auftragswerke. Die tauchen tief in die Klangformung ab, ohne dabei in Stereotypen „unkonventioneller“ Artikulation zu verfallen. Der schwedische Komponist Esaias Järnegard verbindet in „à Sibyl – Mone“ (2019) Augenblicke musikalischer Ekstase mit schamanischem Einsatz der Stimme zu einem quasi archaischen Klangritual. Die schon dort elementaren Gesten an den Rändern der Wahrnehmbarkeit werden auf die Spitze der Dünnhäutigkeit getrieben in Martin Rane Baucks „The air from afar“ (2018). Auch Lisa Streich ist bekannt für ihre spirituell inspirierten Klangdramaturgien: „FLEISCH“ (2017) widmet sich mit harten perkussiven „Nagel“-Schlägen, schreienden Eruptionen und fiebrigen Obertongeweben der Kreuzigung als Schmerzzustand, an dessen Ende in fahlen Dissonanzen die Entrückung steht. Ein Werden und Vergehen brüchiger Oberton-Klanginseln bestimmt auch „I am a clock“ (2018) von Joseph Andrew Lake, ein Ein- und Ausatmen von Klang in völliger Entzeitlichung, das minimalistischer kaum denkbar ist. Über allem aber schwebt der visionäre Geist der Lobgesänge Hildegard von Bingens, Einladungen zur Kontemplation, deren zerbrechliche Mischwesen aus Ton- und Geräuschklang Christina Meißner so intensiv und zugleich mikroskopisch ausdifferenziert spielt, dass man jede einzelne Faser der „Materie“ Cello zu hören glaubt.
Barbara Stühlmeyer
In Dir singt und spielt der Heilige Geist
Neue Zugänge zu Hildegard
Ispariz ist ein Wort aus der Lingua ignota, der unbekannten Sprache Hildegards von Bingen, der sechste in der Reihe jener Begriffe, die Hildegard, die auf so vielfältige Weise Lichtnetzwerke aus Worten und Tönen wob, kreierte. Geist, Heiliger Geist steht nach Gott, Engel, Heiliger, Erlöser und Teufel und vor Mensch. Schon mit dieser Ordnung macht die Visionärin klar, in welchem Bezugsfeld menschliches Leben sich abspielt. Hildegards Schriften sind schauende und sprechende, ihre Musik klingende Theologie. Und genau dies wird auch in der vorliegenden Doppel CD deutlich, auf der Christina Meißner, renommierte Cellistin, mit ihrem Instrument nicht nur Kaskaden differenzierter Tonwelten hervorbringt, sondern Räume schafft, in denen klangliches Erleben neue Welten öffnet. Auf zwei Tonträgern kombiniert Meißner Hildegards Werke, die dem Cello natürlich sind, weil dessen der Stimme so eng verwandter Klang ihre Umsetzung geradezu zwingend nahelegt, mit zeitgenössischen Kompositionen. Deren oft hochkomplexe Textur verträgt sich auch deshalb so gut mit dem Oeuvre Hildegards, weil ihre Gesänge als klanggewordenes Gebet fokussierende Kraft entfalten, kristallisiertes Leuchten ausstrahlen, das in das Weite Land der Seele führt. Tatsächlich wird in Meißners Spiel – einer kongenialen Umsetzung eines Wortes aus Hildegards Gesängen: „in dir singt und spielt der Heilige Geist, denn du bist den Chören der Engel zugesellt“ – die enge Verwandtschaft der von ihr präsentierten Werke deutlich, die ihre Wurzeln in der Spiritualität haben. Dies gilt für Sofia Gubaidulinas „Aus den Visionen der Hildegard“, dessen Entstehungsprozess für die russische Komponistin wie ihr tonschöpferisches Tun überhaupt, Gebet war, ebenso wie für die von Meißner in Auftrag gegebenen Werke von Esaias Järnegard, Martin Rane Bauck, Lisa Streich und Joseph Andrew Lake. Das neue CD Projekt von Christina Meißner heißt nicht nur „Ispariz. Eine Vision“, es verkörpert tatsächlich eine – gottlob hörbare – Vision einer Art des Musizierens, die hochkünstlerisch und zugleich nicht artifiziell, sondern vollkommen natürlich ist, da Meißner auf eine tiefe Weise von innen her durchdringt, was sie spielt und so selbst zum Instrument der Werke wird, die sie gemeinsam mit ihrem Cello erklingen lässt. Das Ergebnis ist faszinierend, inspirierend und zeigt deutlich, warum Kultur zu jeder Zeit, aber gerade heute Not-wendig ist: sie öffnet die irdische Wirklichkeit für die Kraft des Geistes – Ispariz.
Claus Fischer
Und jetzt, Claus Fischer, was ganz Spezielles, eine Doppel-CD für Solo-Cello mit ausschließlich Neuer Musik…gewagt…
CF
Ja, das hat mich zunächst auch sehr verwundert! Also ich dachte mir, als ich das Album in Händen hatte, ob das wirklich geht? Also verkaufstechnisch ist es sicher recht gewagt, was das Altenburger Label querstand da gemacht hat, aber inhaltlich absolut faszinierend! Solistin ist die Cellistin Christina Meißner, die in Weimar zuhause ist, und die sich in letzten zwanzig einen sehr guten Ruf als Interpretin von Gegenwartsmusik erworben hat. Und die hier nun ihr erstes Solo-Konzept-Doppel-Album vorlegt, Titel ISPARIZ…
Mod
Was heißt das und was ist das Konzept?
CF
Ispariz kommt aus dem okzitanischen und bedeutet so viel wie „Geist“, also „Esprit“ kommt auch daher. Ja, und Christina Meißner hatte eine Vision. Sie hat nämlich visionären Gesänge der Nonne und Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert ausführlich studiert. Das sind natürlich Gesänge auf Lateinisch für Frauenstimmen, also Gregorianischer Choral, zum Teil auch schon früh mehrstimmig. Und Christina Meißner kam nun auf den Gedanken, diese Gesänge für Solo-Cello zu bearbeiten und aufzuführen. Und die ziehen sich wie ein roter Faden durch diese CD…
Mod
Und das funktioniert wirklich?
CF
Absolut! Ich war selbst auch eher skeptisch, da ich als großer Freund mittelalterlicher Musik eigentlich Purist bin, also Bearbeitungen, noch dazu für moderne Instrumente, sind mir eigentlich suspekt. Aber Christinas Meißner trifft den Ton Hildegards perfekt. Fünf Gesänge bilden den roten Faden für die CD, die dazu sechs Werke von Gegenwartskomponisten enthält. Also ich würde mal den Hildegard-Gesang mit Christina Meißner vorstellen, der mich beim Hören am meisten beeindruckt hat: O eterne Deus, O ewiger Gott.
Spezial Musik Klassik 3 ISPARIZ - Hildegard von Bingen (2:25)
Mod
Eine Frau, ein Cello und eine mittelalterliche Komponistin – Christina Meißner spielte ein Werk von Hildegard von Bingen, zu finden auf der neuen CD mit dem Titel ISPARIZ…
CF
Unglaublich beeindruckend! Man denkt an einigen Stellen, dass da zwei oder drei Celli zusammenspielen. Also Christina Meißner singt mit ihrem Bogen mehrere Stimmen quasi, das Cello ist ja ein Instrument, mit dem man ganz wunderbar singen kann, das haben mir mehrere Cellisten im Interview schon bestätigt. Und diese Hildegard-Bearbeitungen sind allesamt absolut hörenswert, bei mir verursachen sie an einigen Stellen Gänsehaut…
Mod
Nun ist das Ganze ja eine Doppel-CD. Sie sagten, Claus, die Gesänge ziehen sich als „roter Faden“ durch, was ist sonst noch zu hören?
CF
Ein ganzer Kosmos an modernen Werken für Solo-Cello, größtenteils Werke, die für Christina Meißner komponiert worden sind. Die würden den Rahmen dieses Spezials zeitlich und auch stilistisch leider sprengen. Aber sie zeigen, was Christina Meißner mit ihren Hildegard-Bearbeitungen erreichen will, nämlich zwischen diesen modernen Werken Ruhepunkte zu schaffen, in denen sich der Hörer erholen kann und sich für neue experimentelle Klänge öffnen kann, und das funktioniert, finde ich sehr gut…
Mod
Dann bitte noch ein paar experimentelle Klangeindrücke…
CF
Gerne! Es gibt ein Werk auf der CD, das nur eine Minute lang ist, von der Komponistin Lisa Streich, es heißt Kolon, also Doppelpunkt, und das zeigt schon, dass es danach weitergeht, also ein Gedankensplitter, und den hören wir jetzt.
Spezial Musik Klassik 4 ISPARIZ - Lisa Streich, KOLON (1:00)
Mod
„Kolon“, eine Komposition von Lisa Streich mit der Weimarer Cellistin Christina Meißner, die CD heißt ISPARIZ und ist beim Label querstand in Altenburg erschienen.
Redaktion: Frank Kämpfer
Die Neue Platte/Neue Musik
Autorin: Yvonne Petitpierre
Sonntag 19. Juli 2020 / 9:10 Uhr
ISPARIZ – eine Vision
Christina Meißner, Violoncello und Arrangements
Mystische Klänge
Ein Cello erkundet Hildegard von Bingen
Als Kultfigur des Mittelalters prägt die Universalität der Hildegard von Bingen auch die Musikgeschichte. Ihre Lieder und Gesänge haben die Cellistin Christina Meißner zu einem Projekt inspiriert, dass an die Zeitlosigkeit der Mystikerin appelliert und gleichzeitig Komponisten der Gegenwart zu einer Stellungnahme auffordert. Beim Label Querstand ist soeben die ungewöhnliche Doppel-CD Ispariz – eine Vision erschienen.
Am Mikrophon Yvonne Petitpierre. Hildegard von Bingen, 1098 geboren, gilt bis heute als eine von Mythen umrankte Erscheinung in der deutschen Geschichte. Ihr visionäres Charisma und ihre aktive Teilnahme am öffentlichen, politischen und kirchlichen Leben scheint beispielhaft für die Emanzipation der Frauen. Als Universalgelehrte überschreitet sie Grenzen, die ihr als Frau von der patriachalen Kultur des christlichen Mittelalters gesetzt wurden. Mensch, Umwelt, Leib und Seele, alles steht laut Hildegard in stetiger Verbindung zueinander und darin wurzelt ihre immerwährende Aktualität. In ihrer spirituellen Gedankenwelt spielt auch die Musik eine maßgebliche Rolle, der sie sich als Autodidaktin zeitlebens intensiv gewidmet hat. Musik begreift sie als Suche des Menschen nach der Stimme des heiligen Geistes.
Jenseits der Zeitgrenzen
„Ich verfasste und sang Lieder und Melodien zum Lobe Gottes und der Heiligen ohne die Belehrung eines Menschen, obwohl ich niemals Neumen und Gesang erlernt hatte“, so das Selbstzeugnis der einstigen Äbtissin des von ihr gegründeten Benediktinerinnen-Klosters Ruperstberg. Als vielseitige und weitsichtige Geistliche appellierte sie stets an die Selbstverantwortlichkeit des Menschen. Gesang steht für sie in unmittelbarem Kontext der Gottesverehrung und ist immer auch Teil göttlicher Eingebung. Die Cellistin Christina Meißner fühlte sich inspiriert, diesen Geist, also ISPARIZ zu bewahren und auf die aktuelle Zeit zu übertragen. Vor diesem Hintergrund hat sie unter dem gleichnamigen Titel ISPARIZ - eine Vision ein Projekt konzipiert, in dem sie Gesänge der Hildegard von Bingen für Violoncello arrangiert und mit Musik der gegenwärtigen Komponistengeneration konfrontiert hat. Mit ihrem Rückgriff auf die mittelalterlichen Gesänge möchte Christina Meißner einen Gegenpol zur oft hochkomplexen zeitgenössischen Musik bilden. Die Nähe des Cellos zur menschlichen Stimme haben ihr die Arrangements nahegelegt, für deren Konfrontation sie diverse Kompositionen in Auftrag gegeben hat. Alle Werke werden hier als Weltersteinspielung in klanglich sinnlicher Interpretation und exzellenter Aufnahmequalität vorgestellt. Die CD eröffnet mit dem Gesang O frondens virga, dessen Text die Ehrfurcht des Menschen vor den Wundern der Schöpfung und Natur thematisiert. Musikalisch dominiert eine schlichte Melodie, die im Arrangement durch Christina Meißner noch intensiviert wird.
Ein erster Gegenpol zu diesen Raum greifenden Klängen kommt von Sofia Gubaidulina. 1994 und 2019 hat sie aus einer gefühlten Seelenverwandtschaft das Stück Aus den Visionen der Hildegard von Bingen für Alt solo komponiert und als einziges Werk dieser CD handelt es sich hier um keine Auftragskomposition. Die mental empfundene Nähe zur Universalgelehrten markiert nach eigenen Aussagen eine grundsätzlich zentrale Antriebsfeder für Gubaidulina’s künstlerisches Schaffen, denn „Komponieren ist für mich eine Art Gottesdienst. Komponieren heißt beten“. In ihrem Schaffen richtet sich der Blick häufig auf existentielle Fragen, wenn sie ein „Spannungsfeld aus expressiver Kraft und vertonter Stille eröffnet“, so Egbert Hiller im ungewöhnlich umfangreich informierenden Booklet zur Doppel-CD. Hildegard von Bingens kompositorischer Gestus diente Gubaidulina dabei als Ansatzpunkt. Die Vision als zentrales Moment spiritueller Erfahrung gestaltet sie in visionär konzipierten Klängen, die sie ihrem Komponistenkollegen Alfred Schnittke zu dessen 60. Geburtstag widmet.
Klang als Form der Existenz
Die, in Weimar lebende Cellistin Christina Meißner sucht für ihre Programme vorzugsweise nach grenzüberschreitenden Verbindungen zwischen alter und neuer Musik, die fasziniert und in den Bann ziehen kann. Mit Ausnahme des, sich explizit auf Hildegard von Bingen beziehenden Stückes von Sofia Gubaidulina, sind alle anderen Kompositionen innerhalb der letzten drei Jahre im Auftrag der Solistin entstanden
Ein Spiel mit unterschiedlichen Gegensätzen reflektiert der schwedische Komponist Esaias Järnegard, Jahrgang 1983 in seinem Cellostück à Sybil –Mōnë. Im Zentrum stehen Konfrontationen von existierenden Zuständen, die er zu verbinden sucht. Hoffnung und Trostlosigkeit oder Resignation und schreiendes Aufbegehren begegnen hier dynamisch variantenreich. Acht kurze Sätze fügen sich zu einem Ganzen. Klänge, die Järnegard als Zustand des Seins begreift, erkundet er hier in geheimnisvollen Räumen, in denen „Vergangenheit und Gegenwart durch die Hände und den Cellokörper der Interpretin ins Schwingen geraten sollen“.
Der Komponist will so eine mystischere und ursprünglichere Sphäre betreten. Neben dem Cello kommt hier auch Christina Meißners eigene Stimme zum Einsatz.
Die Dramaturgie der klangintensiven Einspielung, die trotz hochkontemplativer Momente auch mit dynamisch exzessiven Ausbrüchen konfrontiert, integriert erneut ein Lied der Hildegard von Bingen, das sich dem Lob Gottes verschreibt. Aer enim volat überträgt Christina Meißner mit großer auratischer und klanglich dichter Intensität auf das Cello, um den Atem als Lebensspender hörbar zu machen.
Nicht greifbar
Nach diesem atmosphärischen Moment greift die Cellistin auf eine Komposition des Norwegers Martin Rane Bauck, Jahrgang 1988 zurück. Sein Interesse gilt neben Texten von Franz Kafka der elektronischen Klangerzeugung, die er auf akustische Instrumente überträgt. The air from afar, so der Titel, arbeitet mit fixen Tonhöhen sowie Geräuschen, wobei das Cello husten, atmen und singen soll. Hildegard von Bingens Überlegungen zum Wesen der Musik lieferten ihm für das Stück einen wichtigen Impuls. Im Geräusch der Klänge möchte er für sich die Möglichkeit entdecken, mit fernen Liedern, fernen Stimmen, ferner Luft und einem mythischen Ursprung in Kontakt zu treten.
Zwischen Kreuzigung und Erlösung
Die schwedische Komponistin Lisa Streich, 1985 geboren, versucht ihrer tief empfundenen Spiritualität auf klanglicher Ebene Gestalt zu geben. Für das Projekt ISPARIZ, eine Vision, an dem sie auch hinsichtlich der beteiligten Komponisten beratend mitgewirkt hat, präsentiert sie zwei Kompositionen, die Stellung beziehen. Unter dem Titel Fleisch fasst sie Aspekte der Kreuzigung mit äußerst eindringlich pochender Intensität und lässt den Schmerz geradezu physisch erlebbar werden. Nach eigenen Aussagen versucht Streich „sich auf die Schnittstelle zwischen menschgewordenem Fleisch und metallenem Nagel zu konzentrieren“. Gegen Ende lässt ihre zunehmend zarter werdende Musik aber auch Kontemplation und Raum für eine Art Trost erkennen.
Ein Moment entscheidet
Im Mittelpunkt der zweiten CD dieses Doppelalbums steht das knapp 30 minütige Werk I am a clock des 1979 in Amerika geborenen Joseph Andrew Lake. Seine Kompositonssprache fokussiert vor allem den innermusikalischen Prozess einzelner Klänge zwischen Er- und Verklingen. Bookletautor Egbert Hiller verweist auf Lake’s unbeirrbare Geduld, mit der er „in Gefilde beständigen Suchens eintrete, um an jedem Punkt der Entstehung eines Stückes durch genaue Kontrolle und geistige Reflexion aus der Vielfalt der Möglichkeiten die einzig richtige herauszufiltern“. Seine Komposition beschreibt Christina Meißner als Zeitlupenakrobatik. Alles wirkt beinahe statisch und entwickelt in metrischen Rastern einen meditativen, fast sogartigen Gestus.
Soweit abschließend noch ein Ausschnitt aus I am a clock von Joseph Andrew Lake Vorgestellt wurde Ihnen heute das Projekt ISPARIZ-eine Vision von und mit der Cellistin Christina Meißner. Liturgische Gesänge und Melodien zum Lobe Gottes aus der Feder von Hildegard von Bingen werden auf dieser CD mit zeitgenössischen Auftragswerken kombiniert.
Alle Werke sind als Weltersteinspielung beim Label Querstand, der Verlagsgruppe Kamprad erschienen. Sie hörten einen Beitrag von Yvonne Petitpierre. Unter www.deutschlandradio.de können Sie diese Sendung noch 7 Tage lang nachhören. Oder darüber hinaus auf dieser Soundcloudseite:
https://soundcloud.com/christina-meissner/isparizdlfyvonne-petitpierre
Juli Zhu
Spirit. Or Ispariz, in Hildegard von Bingen’s invented language. Reader: allow a sincerity this once—there really is that intangible, the shadow of the invisible in Christina Meißner’s album of solo cello music. Beautifully mastered, dancing between Meißner’s own transcriptions of Hildegard’s twelfth-century vocal music and the sonic physicality of newly commissioned pieces, ISPARIZ. eine Vision is an extraordinary performance as well as an irenic, crafted experience.
The album is treated as such: one holistic artwork. From the first piece to the last, each Hildegard transcription creates space for the next new work, which echoes the Hildegard that just left our ears. All of which is of course intentional—Meißner communicated to the composers the specific Hildegard songs that perfumed her world. Et voilà, a through line of inspiration was established at the very beginning of the compositional process.
The first recording is Hildegard’s O frondens virga (O blooming branch) that literally bloomed in its large acoustic, ornamented by peripheral bird sounds around the gothic Løgumkloster Kirke in Denmark. The leaps in the song push and explore the massive space, the correct setting to allow the majesty in ancient music to breathe, while the bird sounds ground our imagination in a specific place, obviously existing in our current time—straddling old and new.
Next is Sofia Gubaidulina’s Aus den Visionen der Hildegard von Bingen, written in 1994 for Alfred Schnittke, which retains the same initial leap in the Hildegard, but it expands from the vocal range to the sonic realms of the cello, leaping larger and larger intervals, from the lowest notes of the cello to almost pious harmonics. Long leaps are metaphorical of faith, in divinity or simply in the cellist’s ability to grab onto the note. In the performance, one hears Meißner’s embodiment of the piece, the confidence and knowing, which she jokingly describes as being “a bit drunk in the hand.”
In the third piece titled à Sibyl – Mǒnē, by Esais Järnegard, the timbre is expanded even further with a palette of extended technique and the introduction of Meißner’s voice. Continuous glissandi between microtones in the lowest register echo the melismas of plainchant. It appears that this particular piece was closer mic’ed, picking up elements of the body—cello and human— hair, skin, wood. The guttural circular bowing around the bridge delves into explicit materiality, while also forcing the higher overtones to sparkle over the texture.
This trio of pieces is a perfect introduction to the album. Together, they first offer the space, context and architecture, then they open up the pitch material, and finally, they give way to density and texture, arriving at a world where reverberation and repetition rise above rhythmic variation, where one has to submit to an exposed pulse.
Closing out the first CD are two pairs of pieces, forming a direct dialogue between Hildegard and newly composed pieces. Martin Rane Bauck’s The air from afar is based on Hildegard’s Aer enim volat (for the air is fleet) and about “putting oneself in contact—through the noise of noise—with distant music, distant songs, distant voices, distant air—with a mythic beginning, and with the 12th-century hymn of Hildegard.” The piece is a series of exhalations, brisk upbows with marvelous momentum. The dry agility of the bow is apparent in the recording—it becomes like breath. The delicacy of hair is juxtaposed by the other side of the bow in the next piece. Lisa Streich’s FLEISCH starts with the wood of the bow hitting muted strings with fortissimo. Seemingly an extreme prolation of Hildegard’s O splendidissima gemma (O jewel resplendent), the repetitive battuto beating forces the listener to tune their ears to the changing higher overtones, convincing the percussive hit to lie instead in a place of meditation. During performance, Meißner’s lifted or dropped head indicates the transformation from internal to external, from playing for oneself to playing for the world. Again, the exquisite curation comes through in this quartet of pieces, from the transition between The air from afar and FLEISCH to the bookending Hildegard songs.
The second CD is another such quartet, beginning and ending with Hildegard songs, and in between, Joseph Andrew Lake’s I am a clock, and a second Lisa Streich, the miniature, coda-like KOLON. At just over 26 minutes, I am a clock is the centerpiece of the second half of the album and relies upon the sonic baptisms of the first half. The first note is held for exactly 60 seconds, and for the rest of the piece—almost entirely made up of dyads whose lengths are determined not in beats but by the length of bow and dynamics—time passes as events do in nature: constantly yet not always consistently. While sharp rhythm grabs, this alternative, stochastic meter lets go. There is a natural ebb and flow—one comes to it, as it does not seek attention. In live performance, however, there is the curiosity of the bow playing above the left hand nearer the nut, or between the fingers of the left hand, which unfortunately cannot be shown in a CD. It is appropriate that I am a clock feels like the culmination of an album—there’s an interiority present that seems to be Meißner’s overall message.
According to Meißner, the highest validation is when after a concert of the album, often in the same considered order, the audience does not clap after the last piece, Hildegard’s O eterne deus. They do not react, still internalizing. I am similarly stunned, and cannot recommend this album enough. To discover such mature compositional voices and ardent performance on an unfamiliar label—for that I am grateful. I hope more albums adopt Meisßner’s approach, pairing old with new, with the same studied attention to extramusical space and purpose.
Isang Yun Glissees
Peter Eötvös 2 Poems to Polly
Adriana Hölszky Nouns to nouns II
Salvatore Sciarrino Ai limiti della notte
René Mense Touch ... Windows
Bernd Alois Zimmermann 4 kurze Studien
Klaus Huber Rauhe Pinselspitze
Torsten Möller
When! – Christina Meißner, Cello solo. Werke von Isang Yun, Peter Eötvös, Adriana Hölszky, Salvatore Sciarrino, René Mense, Bernd Alois Zimmermann und Klaus Huber. Querstand VKJK 1415
Isang Yun, Peter Eötvös, Adriana Hölszky oder Klaus Huber: die Namen sind bekannt, klingen gängig. In Zeiten, in denen jeder ums Besondere kämpft, in denen das bloße Ereignis an die Stelle etwaiger Qualitätsfragen rückt, wird so eine Neuerscheinung vielleicht achselzuckend zur Kenntnis genommen. Frei nach dem Motto: Es sind eben alt gediente Damen und Herren, zwar nicht ganz aus einem „schlechten 19. Jahrhundert“, aber doch aus Zeiten, als man noch an so etwas wie Weltverbesserung und Marxismus glaubte.
Schon mit den ersten Takten sollte es mit den Klischees vorbei sein. Wunderbar dieser Einstieg mit den so leise wie trocken gezupften Impulsen aus Isang Yuns Glissées! Sie nehmen den Hörer gleich an die Hand, nehmen ihn mit auf eine Reise, die horrend Virtuoses bietet (Touch... Windows von René Mense), ausgesprochen Poetisches inklusive gesprochener Sprachpassagen (Two Poems to Polly von Peter Eötvös), schrundige Miniaturen (Nouns to Nouns II von Adriana Hölszky) wie dezent gewischte Töne, die in Salvatore Sciarrinos Al limite della Notte [An den Rändern / Grenzen der Nacht] besondere atmosphärische Welten eröffnen.
Christina Meißner hat schon Johann Sebastian Bachs Cellosuite d-moll BWV 1008 faszinierend eingespielt. Obendrein kennt sie sich als Mitbegründerin des Weimarer Ensembles klangwerkstatt bestens aus mit zeitgenössischer Musik mitsamt ihren besonderen Bedürfnissen. Mit Isang Yun arbeitete sie schon zusammen, mit Helmut Lachenmann und Adriana Hölszky. Solche Erfahrungen kulminieren in jedem Ton. Selten hat man Isang Yuns vielfältigen Tonmodifikationen so differenziert vernommen. Gen unendlich tendieren die feinen Unterschiede der Vibrati in Glissées, stets kontrolliert wirken die vielen dynamischen Schattierungen. Bei allen Stücken kommt der besondere Ton Meißners zum Ausdruck. Es ist ein narrativer Ton ohne Härte, mit einer warmweichen Flexibilität, die bei zeitgenössischen Cellospezialisten ihresgleichen sucht.
Die im Label querstand, dem Klassiklabel der Verlagsgruppe Kamprad publizierte CD wurde nicht in Rundfunkstudios eingespielt, sondern speziell für die eigenen Bedürfnisse in einem Privatstudio in Jena. Dem Tonmeister Harms Achtergarde dankt Meißner für seine „einsatzstarke Liebe und Genauigkeitskraft zum musikalischen Ideal“. Beides trifft auch auf sie selbst zu. So wurde when! zu einer CD, die höchsten Repertoirewert vereint mit einem Maßstab setzenden technischen wie interpretatorischen Niveau. Bei drei Stücken (Rauhe Pinselstriche von Klaus Huber, touch... windows von René Mense, Al limite della notte von Salvatore Sciarrino) handelt es sich übrigens um Ersteinspielungen. Vielleicht kommt so ja auch der „Neuheitsfanatiker“ auf seine Kosten.
Musik: 5
Technik: 5
Booklet: 4
Die Cellistin Christina Meißner, Mitbegründerin der Klangwerkstatt Weimar, legt eine Solo-CD mit Werken aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert vor. Sie schlägt einen Bogen von Bernd Alois Zimmermanns „Vier kurzen Studien“ und Isang Yuns „Glissées“, beide von 1970, über Sciarrino, Klaus Huber und Adriana Hölszky bis zu den „Two Poems to Polly für sprechende Cellistin“ von Peter Eötvös und zu „touch … windows“, neun funkelnden Mikroorganismen des Hamburgers René Mense. Eine gut durchdachte und farbige Auswahl. Der stilistischen Vielfalt begegnet die technisch versierte Interpretin mit der Überlegenheit einer Musikpersönlichkeit, die die Partituren nicht als avantgardistische Spezialfälle herunterbuchstabiert, sondern mit Leben erfüllt. (querstand VKJK 1415)
Anonymus
Robins m’aime
Voici le mai
Por coi me bait mes maris?
Jehans de Braine
Par desous l’ombre d’un bois
Li Chastelain de Coucy
La dolce vois del roisignor salvage
Bearbeitung René Mense
Helmut Rohm, 1. Juli 2008
Musik für Violoncello solo mit einen höchst außergewöhnlichen Programm:
…eingespielt von der bemerkenswert vielseitigen Cellistin Christina Meißner, die in Weimar und Prag ausgebildet wurde. Auf ihrer neuen Silberscheibe hat die Künstlerin ein Repertoire eingespielt, dessen Stücke im Verlaufe der unglaublichen Spanne von fast 1000 Jahren entstanden sind. Die jüngste Komposition wurde 2001 geschrieben von Elliott Carter, dem Nestor der amerikanischen Gegenwartsmusik, der heuer noch seinen 100. Geburtstag feiern wird. Außerdem enthält das Programm die sechste Cello-Suite von Johann Sebastian Bach und eine faszinierende Solocello-Sonate von Artur Schnabel, dem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltberühmten Pianisten… anonym überlieferte Minnelieder, deren Melodien im 11. und 12. Jahrhundert entstanden sind. Der junge Hamburger Komponist René Mense hat sie mit viel Geschick für Violoncello solo arrangiert.
Elleonore Büning, 2. Juni 2008
„Wild“ Kein Cellist kommt auf Dauer an Bachs Solosuiten vorbei. Jetzt hat auch Christina Meißner ihrem dritten Album eine einverleibt, die sechste in D-Dur BWV 1012... Aber Bach ist Zugabe, nicht Hauptattraktion dieses „trouvailles“ getauften Konzeptalbums. In Stücken der Jetztzeit, die dazu kombiniert sind – Elliott Carters Hommage an Charles Ives, René Menses Adaptionen von französischen Troubadourliedern – kann Meißner, die als Mitglied und Mitbegründerin des Ensembles klangwerkstatt weimar mit neuer Musik hervorragend vertraut ist, ihre Stärken ausspielen. Das Prunkstück unter ihren Fundstücken für Cello solo ist die satztechnisch komplexe, zugleich hochvirtuose Sonate, die der Pianist Artur Schnabel 1930 komponiert hat. Eine wilde Mischung.
Marita Emigholz, 27. Mai 2008
„Trouvailles“ hat die in Weimar lebende und dort und in Prag ausgebildete Cellistin CM ihre CD mit Solostücken genannt: Fundstücke. Eröffnet wird diese CD mit Musik der Trouvères, mit Minnesang, den René Mense für Violoncello solo bearbeitet hat. Das französische Verb „Trouver“ bedeutet sowohl finden als auch erfinden, und was der Trouvère Jehans de Braine mit seinem „Par desous lómbre dún bois“ gefunden hat, kann sich auch in der Bearbeitung für Cello solo hören lassen… CM’s Repertoire umfasst – so auch auf der „Trouvailles“-CD – alte und neue Musik. Von dem amerikanischen Komponisten Elliott Carter sind die beiden „Figment“-Stücke von 1994 und 2001 zu hören, und von Artur Schnabel, der 1898 als Sechzehnjähriger von Wien nach Berlin gezogen war, um dort sein Glück als Pianist zu suchen, die Sonate für Violoncello aus dem Jahr 1931. Seine Pianistentätigkeit diente Schnabel als Brotberuf, im Komponieren hingegen, mit dem er schon als Sechsjähriger begonnen hatte, sah er den eigentlichen Ausdruck seines Musikverständnisses. Der zweite Satz seiner Cellosonate beginnt folgerndermaßen… Bearbeitungen von mittelalterlichen Trouvère-Liedern, die beiden „Figment“-Stücke von Elliott Carter, die Sonate für Violoncello solo von Artur Schnabel und die sechste der Cellosuiten von Johann Sebastian Bach sind auf der CD „Trouvailles“ von der Cellistin CM zu hören. Sie ist bei HOROS erschienen und eine äußerst gelungene Hommáge an das Instrument Violoncello, wie das zum Beispiel auch die Sarabande aus der sechsten Cellosuite von Johann Sebastian Bach belegt…
Dr. Michael Oehme, 28. April 2008
Mit der „Trouvailles“ („Glückliche Erfindungen“) betitelten CD gibt die in Weimar wirkende Cellistin Christina Meisner musikalische Liebeserklärungen ab, die an die Musik selbst, an unsere Gefühle und an die Ausdrucksmöglichkeiten ihres wunderbar wandelbaren Soloinstruments gerichtet sind. Die anspruchsvolle Zusammenstellung reicht von südfranzösischen Minneliedern über Bach bis hin zu Elliot Carter. Eine besondere Entdeckung dabei ist die Sonate für Violoncello solo des berühmten Pianisten Arthur Schnabel.
Dezember 2005
Herb konzentriert
Benjamin Brittens Cellosuiten verdanken sich der Freundschaft des Komponisten mit Mstislaw Rostropowitsch, der die drei Werke auch zur Uraufführung brachte. Geplant hatte Britten sogar noch drei weitere Suiten, und alle sechs sollten sie ein modernes Gegenstück zu den sechs Bachschen Solo-Suiten bilden. Hehre Größen also, die dieses Triptychon beschwört, denen es in seiner Vielschichtigkeit und Aussagekraft aber gerecht wird. Christina Meißner bleibt hinter dem hohen Anspruch nicht zurück. Ihre persönliche Lesart hat Format und ist von einer Herbheit und Konzentration, die aufhorchen lassen. Gewiss kann man die "Barcarola" der dritten Suite eleganter, das Andante lento der zweiten Suite inniger und die Fuga aus derselben Suite weniger strukturalistisch spielen, kaum aber bewegender. afri
Musik: 4 Sterne
Klang: 4 Sterne
Dezember 2004/Januar 2005
Benjamin Britten: Cello-Suiten
Die von Benjamin Britten für Rostropowitsch komponierten drei Cello-Suiten gehören zum Kernrepertoire des 20. Jahrhunderts – entsprechend viele Aufnahmen gibt es auch davon. Schon einmal, vor gut drei Jahren, habe ich für crescendo eine davon besprochen, damals spielte sie Truls Mørk für Virgin Classics ein. Jetzt gibt es eine Aufnahme von Christina Meißner, die außer in Mitteldeutschland kaum bekannt ist, produziert beim kleinen Dresdner Label Horos. Welche Ungerechtigkeit! Im direkten Vergleich liegt Meißner klar vor Mørk, weil sie plastischer gestaltet und risikofreudiger ist. Mørk strebt maximale Klarheit an, Meißner staffelt deutlich in Vorder- und Hintergrund, was vor allem den Fugen zugute kommt. Sie hat mehr Mut zu Extremen, zu rauen Klangfarben und zu fauchenden Crescendi. Dass diese Suiten ein kraftvolles Spiel verlangen, verleugnet auch Mørk nicht, aber er bleibt merkwürdig blass. Ein eindrucksvolles Beispiel für die größere Gestaltungskraft von Meißner ist das Andante der zweiten Suite, in dem eine Kantilene mit einer Pizzikato-Begleitung konfrontiert wird, die rhythmisch quer zueinander stehen. Meißner lässt die Melodie trotzdem singen, während bei Mørk der innere Zusammenhang verloren geht. Wer also ist diese Christina Meißner? Das Booklet verrät nichts über sie. Ich hörte sie das erste Mal vor fünf Jahren in Berlin mit dem Ensemble „klangwerkstett weimar“, das sie 1993 mitbegründete, seit rund 20 Jahren tritt sie auch solistisch auf. Über das Alter, in dem neue Stars „entdeckt“ werden, ist sie also schon hinaus. Es sei jedem ans Herz gelegt, sie durch diese Aufnahmen für sich zu entdecken.
Peter Sarkar
Zoltán Kodály Sonata op.8 für Violoncello solo
Isabel Mundry Cellosolo
Johann Sebastian Bach Suite II d-moll BWV1008
Mai/Juni 2003
Christina Meißner spielt Solowerke von Zoltan Kodaly, Johann Sebastian Bach und Isabel Mundry
Das Beglückende an dieser Solo-CD, welche die Mitbegründerin der « Klangwerkstatt Weimar» in der günstigen Akustik der Bethlehemskirche zu Dresden-Tolkewitz aufnahm, ist nicht leicht zu benennen. Jedenfalls entspringt es einer idealen Sinnesverwandtschaft von Komponist, Werk und Interpretin. Aus ihr entsteht eine unausgesetzte Spannung beim Hören, die den Eindruck bestärkt: So und nicht anders muss es klingen, so ist die Musik gemeint. Das klug komponierte Programm beginnt mit Kodalys wenig bekannter Sonata op. 8. Man weiß nicht, was man mehr bestaunen soll: Dass der Komponist sich über eine halbe Stunde lang mit dem Cello allein zu unterhalten vermochte, ohne dass ihm die Gedanken aus gingen? Oder dass die Cellistin im wechselvollen Ereignisfeld dieses Romans in drei Kapiteln den Atem behält? Allein die Liebe zum Klang wesen des Cellos macht's möglich. Bevor sie zu Bach kommt, widmet sich Christina Meißner dem knapp neunminütigen, episodenreichen Cellosolo (1997) von Isabel Mundry - ein Stück, das den Charakter des Instruments assoziativ austastet, wobei sie Altes und Neues, Offenes und Schließendes, Spontanes und Bedachtsames zu einer Art unendlichem Rezitativ ausspinnt. Das subtilste Vergnügen bereitet die Cellistin mit Bachs Suite Nr. 2 d-Moll BWV 1008, die sie in den latent mehrstimmigen Tanzsätzen zu höchster Wirkungskraft bringt.
Lutz Lesle
musikalische Wertung 5
technische Wertung 4
Repertoirewert 5
Booklet 2
Gesamtwertung 4
Cello barfuß
Eine gefällige Scheibe ist das nicht. Denn mal ehrlich: Wer legte aus rein privater Neugier eine Platte mit Solowerken für Violoncello in den CD-Player? Bachs Solosuiten - jawohl. Die schon. Aber moderne Musik? Oder ganz moderne? Das hört man sich, wenn überhaupt, im Konzert an, als notwendiges Beiwerk zum klassischen Hauptprogramm. Man nimmt es achselzuckend in Kauf, denn Quote muss sein - und ist dann bass erstaunt ob der Nachhaltigkeit unerahnter Hörerfahrungen. Ein solches Konzert ist die Aufnahme mit Christina Meißner, Ihre erste Solo-CD. Für die junge Weimarer Cellistin bedeuten Zoltán Kodály und Isabel Mundry nicht Quote, sondern Konzept. Und wer, wenn nicht sie, die auch als Mitbegründerin der „klangwerkstatt weimar“ seit 1996 neue Musik proklamiert, sollte den Mut aufbringen, im kommoden Tonträgermarkt aufzufallen?
Eine wundersame Verbindung stellt sich her zwischen der fotografischen Selbstdarstellung der Musikerin und ihrem Spiel. Unbekleidete Gliedmaßen umschlingen wie weiße Tentakel das Instrument. Nackte Füße. Das soll wohl heißen: Ihr Verhältnis zum Cello ist ein sinnliches. Dinge, die für die Kunst nicht wichtig sind, lässt sie gleich ganz weg. Schuhe zum Beispiel. Wie überhaupt jede Attitüde, die sie auf ihrer Suche nach dem Wesen der Töne störte. Kodály wird selten mit so viel Vitalität, Leidenschaft und Farbenreichtum vorgetragen. Seine Sonata op.8 fächert in ein Kaleidoskop des technisch Möglichen, erschließt aber mehr noch ein Universum expressiver Stimmungen. Ähnlich Bachs zweite Solosuite in d-moll: Hier wird mitnichten jeder Ton künstlich aufpoliert. Im Gegenteil, der sparsame Einsatz des Vibratos verstärkt den deklamatorischen Gestus. Ebenso schlicht wie ergreifend geht Meißner aufs Ganze, Gesamte. So gesehen ist ihr Solodebüt durchaus ein gefälliges – ein Auftritt sehr zum Wohlgefallen nicht nur dem Musikerkollegen, der längst weiß, dass Kodály und Mundry keineswegs kaukasische Ziegenrassen sind.
Ute van der Sanden
Wochenendbeilage vom 21.12.02
Cello zwischen Bach und Gegenwart
Der Bogen von Bach bis Kodály ist nicht so weit gespannt, wie man meinen könnte. Ein Cellobogen überwindet die Distanz spielend, erst recht, wenn Christina Meißner ihn führt. Die Weimarer Cellistin eröffnet ihr beim Label Horos erschienenes Solo-CD-Debüt mit Kodálys Sonata op. 8 und beschließt es mit Bachs Suite II d-Moll BWV 1008. Dazwischen liegen für sie keine Welten; die verbindende Kraft ist größer als die Distanz der Jahrhunderte zwischen Barock und ungarischer Avantgarde. Die Bezeichnung des Kopfsatzes der Kodály-Sonate nimmt sie genau; majestätisch, aber leidenschaftlich ist ihr Spiel, sie bringt die Kontraste zwischen fetten Akkorden und Pianissimo-Geflirre pointiert zur Geltung, ohne nach Effekten zu haschen. Zurückhaltender geht sie die Bach-Suite an. Ihre Interprtation ist zart und licht, manchmal fast zu verhalten, der Bogen wispert selbst da, wo er energisch sein dürfte. Dadurch aber gewinnt ihr Spiel eine Sensibilität, die besonders den Menuetts zugute kommt. Spannungsgeladen, manchmal verstörend, aber mit faszinierender Ausdruckskraft interpretiert Christina Meißner das Cellosolo von Isabel Mundry und spannt den Bogen weiter - hin zur zeitgenössischen Musik, die ihr als Mitbegründerin der "klangwerkstatt weimar" sehr nahe steht.
Frauke Adrians
Herbst/Winter 02/03
Weltenreise mit Zwischentönen
„eher aus dem Instinkt als aus dem Verstand, eher durch die Intuition als durch den Willen“ – mit dieser Introduktion lädt Christina Meißner zu ihrer ersten Solo-CD ein. Kodály, Mundry, Bach. Ihre bewußt gewählte Symbiose von Barock, Moderne und Klassischer Moderne ist erfrischend. Weil sie eben nicht den gewohnten Konventionen folgt. Aufmunternd für Saitenblicke. Also, wer kommt mit auf die Reise?
Kodály: Der großen epischen Form folgt Christina Meißner mit der ihr eigenen Sinnlichkeit und dramatischen Intuition. Tiefsonores Wollen pulst bei robustem Furioso. Aber auch hingebendes Lauschen. Klassische Virtuosität oder Aufbruch zu neuen Welten? Eine entscheidende Frage für dieses Werk?
Mundry formt den Weg eines Gedankens in Tonsprache. Unvermittelt, rückbesinnend, keine Logil oder doch? Hier zeigt die Mitbegründerin der "klangwerkstatt weimar" die Stärke ihrer leidenschaftlichen Experimentierfreudigkeit. Im überzeugenden Subito zeigt sich die große Palette ihrer Farbigkeit.
Bach: „Kein Cellist, der nicht an den Suiten seine Kunst erprobt…“ Ja, wahrhaftig. Im Bach spiegelt sich das Selbst der Persönlichkeit.
Wo Christina Meißner im Triplett von polyphoner Tonsprache, rhythmischem Duktus und melodischer Freiheit ihre Schwerpunkte setzt, mag jeder für sich hörend erkunden. Denn nicht Bach, sondern Meer...Weltenreise.
Claudia Buder
Den Bogen spannen Werke von Zoltan Kodály und Johann Sebastian Bach, Avantgarde aus dem Ungarn der untergehenden „K & K-Epoche“. Neun Jahre nach der Entstehung in der ton-angebenden „Universal Edition“ publiziert. Und die zweite der sechs Suiten des mitteldeutschen barocken Altmeisters. Über ein Jahrhundert lang nur in Abschriften für Spezialisten im Umlauf. Und ein Ideal für den ungarischen Reformator: „Bachs Musik ist eine Verdichtung deutscher Musik, wie sie keine andere Nation besitzt. Der deutsche Student, der seinen Bach kennt, braucht sich nicht weiter mit Volksliedern zu beschäftigen“, schreibt Kodály. Kodály ist sich bewusst, dass eine musikalische Identität nicht über die Kopie mitteleuropäischer Kunstmusik zu erreichen ist. Gemeinsam mit Béla Bartok erforscht er die nationale Musiktradition des Landes. Zieht seine Schlüsse zur Anlage von Musik. Auch in der großen Form. Wie der Sonate op. 8 für Violoncello solo. Nicht erst im Finalsatz Allegro molto vivace pulsieren kantige Rhythmen, packt konzentriertes melodisches Geschehen, gewonnen aus markanten Partikeln. Im Allegro maestoso ma apassionato und Adagio (con grand espressione) wirken sich die Ungleichmäßigkeiten gegenüber dem gewohnten Gestus auf die Brüche im klassischen Sonatenablauf, den Ereignisreichtum des Satzes, noch subtiler aus. Christina Meißners Darstellung arbeitet das Neue der Sonate auf eine Weise heraus, die sich erlauben darf, das Ereignishafte nicht zum Effekt zu missbrauchen. So genau sie der Partitur nachspürt, so wenig noten- und rhythmusgebunden erscheint die Impulsivität des Spiels. Die Einspielung ist eine Variante. Einzigartig. Denn eine Reise nimmt nie den selben Verlauf, folgte sie auch immer wieder den selben Wegweisern aus Notenköpfen, Spielanweisungen und dynamischen Zeichen. Die Zwischentöne lassen sich nicht in einem fließenden Ablauf sortieren, ohne ihre Seele zu verletzen. Christina Meißners Cello hastet atem-, fast stimmlos, hält inne, stockt, kommt wieder auf die Beine. Enthüllt Doppelbödiges, durchlebt eine ganze Biografie – oder auch nur einen einzigen Moment stärkster Eindrücke – mit einer ganz eigenen selbstbewussten Zärtlichkeit zu Instrument und Stück.
„Eher aus dem Instinkt als aus dem Verstand, eher durch die Intuition als durch den Willen“ kommt elementare, eigentliche Musik zustande. Ernest Bloch, 1917, in „Man and Music“.
Damit ist Komposition die Übertragung aktueller Musikalität in Chiffren. Und Interpretation die Rück-Destillation aus der Schriftform heraus. Intellekt, Stil, Aktualität – nichts mehr, aber auch nichts weniger als Elemente in einem Kreislauf, der Jahrhunderte überbrückt: Musik als einzige sich gleichzeitig immer wieder authentisch und vital realisierende Kunst.
Christina Meißner sperrt sich gegen Klassifizierungen. Alte Musik? Neue Musik? Musik! Trotz ihres ambitionierten Einsatzes und erstklassiger Kompetenz für das Zeitgenössische sieht sich die Mitbegründerin des Neue-Musik-Ensembles „klangwerkstatt weimar“ nicht als Spezialistin. Ihre erste Solo-CD entzieht sich den Kategorisierungen der Tonträgerindustrie. Bewusst, nicht gewollt. Nötig. Kodály, Mundry, Bach. Als Konzertprogramm durchaus legitim. Für die Kataloge dagegen gewagt. Widerstrebt dem Schubladendenken. Aber Christina Meißner will eben ihren Brückenschlag nicht aufgeben. Altes, Neues und Neuestes in Beziehung setzen. Es ist ein Hör-Werk geworden, ein Konzert auf Silberscheibe, das erst als Ganzes seine volle Wirkung ausstrahlt: Die Einheit von Musik, gebunden in der Wirkung von Musikalität, Intelligenz und Persönlichkeit. Gleich, ob in der Bethlehemkirche in Dresden-Tolkewitz – einer der ersten Kirchen-Neubauten in der DDR zu Beginn der 50er Jahre, in der die Aufnahmen entstanden sind. Oder im Konzertsaal. Life. In die pechschwarze Ruhe der nächtlichen Autobahnfahrt. Digital. Oder aus dem HiFi-Turm. Vorstellbar, wie Kodály und Bach untereinander korrespondieren, fern aller Klassizität. Die Suite Nr. 2 d-Moll, BWV 1008, ist eben gleichfalls alles andere als symmetrisch, schematisch. Das Menuett I alles andere als höfisch-cöthenisch galant. Die Courante wischt mit sensibler, gleichermaßen unmissverständlicher Geste den Gegensatz zwischen Tanz und Polyphonie beiseite. Die abschließende Gigue packt zu. Nichts ist selbstverständlich in der Interpretation. Kein Tempo läuft durch. trotzdem ist alles in Bewegung, schließt zueinander auf, zeichnet die Musik spannend entspannt in transparentem Fluss. Zwischen den beiden Eckpunkten der Einspielung liegt das von Isabel Mundry 1997 komponierte „Cellosolo“. Hier wird das Ausmaß der Künstlerpersönlichkeit der Interpretin ohrenfällig. Die Bindungen greifen. Isabel Mundrys Stück repräsentiert Aspekte der Herangehensweise Christina Meißners, noch vor dem Kennen- und Schätzenlernen der Musikerinnen, exemplarisch: „dem Weg eines Gedankens vergleichbar, der unvermittelt ebenso Neues enthalten kann wie Rückbezüge und dessen zeitlicher Verlauf keiner äußeren Logik folgt“, hat sie ihr Werk angelegt. Fast schon „romantisch“ vom Individualbezug als Idee. Das geschieht auf Grund einer transparenten, unprätentiösen, dabei stetig präsenten Architektur, aus dem Intuitiven heraus sich unweigerlich wieder spiegelnd. Nicht symmetrisch, sondern irgendwo. Wie sich alles Aufgebrachte irgendwo in der Biografie wiederfindet. Pointiert. Sprudelnd. Betrachtend. Leuchtend. Erinnerungen weckend. Gedanken-Musik, die besser noch auskommt, je unerklärter sie zu Gehör kommt. Gespielt mit impulsiver Frische, voller Persönlichkeit und Neugier, vom Wissen (um die Noten) und Leben (um den Augenblick) getragen. Sensibel und herzlich. Die Kombination greift in der Persönlichkeit ihrer Interpretin.
Alte Musik? Neue Musik? Packend. Sinnlich. Berührend. Musik!
Ralph Philipp Ziegler
Chaya Czernowin Gradual Edge 2012
Younghi Pagh-Paan Augenblicke 2013
Rene Mense Fantasie und Variationen 2006
Lisa Streich Seraph 2013
Die neue Platte: Neue Musik
Sonntag, 28.12.2014
Frank Kämpfer
In Welten des Leisen und der Stille ist die nächste CD angesiedelt; sie bietet vier Kompositionen für die Kombination Violoncello und Orgel, die ungeachtet ihres je individuellen Charakters in ähnliche Richtungen weisen. Was sie technisch verbindet, ist die Vorliebe der vier UrheberInnen – wie Bookletautor Walter-Wolfgang Sparrer treffend beschreibt – für „meditativ tastende Gangarten“, so-wie für „geräuschhafte Klänge, oft an der Grenze zur Hörbarkeit“. Gemeinsam ist ihnen auch die Vision, so verschiedene Instrumente wie Violoncello und Orgel könnten im sakralen Raum dialogisieren wie zwei verschiedene Formen von Existenz. In ihrem Stück Augenblicke – Gebet favorisiert die Koreanerin Younghi Pagh-Paan das Streichinstrument; die Orgel liefert für dessen Aktionen den Klang-Raum. Angeregt durch eine Kierkegaard-Lektüre überträgt die Kom-ponistin das philosophische Denkbild vom „Glauben im Augenblick der Hin-gabe“ in Verläufe unterschiedlicher Dichte und Fließgeschwindigkeit. Die Ame-rikanerin Chaya Czernowin ließ sich für Gradual Edge von einem bildnerischen Objekt inspirieren; zwei hohlen Halbkugeln, die in ihrem Innern das Nichts, die Unendlichkeit suggerieren. Ihre Musik folgt dem Blick, Liegeklänge der Orgel und Cello-Glissandi suggerieren ein kaum vernehmbares, doch überdimensiona-les Rotieren. René Menses Fantasie und Variationen hingegen wirken nach innen gewandt, introvertiert; für Lisa Streich wiederum ist das Fragile, kaum Merkliche Realität. Die junge Schwedin hat ihr Stück Seraph ihrer damals noch ungeborenen Tochter gewidmet; beider Kommunizieren beim Wachsen des Lebens erfährt musikalisch Entsprechung: Durch einzelne Gesten zunächst des Violoncellos – Streich nennt sie „akustische Flügel“ – die eingebettet sind in eine Art Schwebezustand, den ein leiser, in der Zeit gestreckter Orgelchoral sug-geriert. Christina Meißner (Violoncello) und Paul Skølstrup Larsen (Orgel) ha-ben das Stück im Sommer 2014 in der Peterskirche in Görlitz uraufgeführt.
10.02.15
Max Nyffeler
Cello und Orgel, wie passt das zusammen? Sehr gut, hört man sich die vier Werke an, die die Cellistin Christina Meißner angeregt und zusammen mit Poul Skjølstrup Larsen und Reinhard Seeliger eingespielt hat. Bei Chaya Czernowin führt der instrumentale Dialog in unheimliche Dunkelsphären, während Younghi Pagh-Paan, angeregt durch ihre Kierkegaard-Lektüre, eine mystische Innenwelt eröffnet, in der Dramatik und Entrückung zur Einheit verschmelzen. Ihr Stück, wie dasjenige von Czernowin ein dänischer Auftrag zum 200. Geburtstag Kierkegaards, ist der gewichtigste Beitrag auf dieser ungewöhnlichen CD. René Meese setzt demgegenüber mehr auf Klangsinnlichkeit und Farbe, und Lisa Streich tastet die zarten Klangränder ab, an denen sich die Instrumente berühren (querstand VKJK 1429).
Gehört nicht zusammen? Passt aber!
2_2015
Lutz Lesle
Der Seraph – jenes sechsflügelige himmlische Wesen des Alten Testaments, das Gott mit dem Ruf „Dreimalheilig“ lobpreist – lag der in Schweden aufgewachsenen Komponistin Lisa Streich im Sinn, als sie 2013 mit ihrer Tochter und einer Musik schwanger ging, die ihr Kind schützend umhüllen sollte. Der in Weimar ausgebbildeten und der klangwerkstatt weimar vielfältig verbundenen Cellistin Christina Meißner und ihrem dänischen Orgelpartner Poul Skjølstrup Larsen zugedacht, stellt das Duo Seraph hauchfeine Beziehungen zwischen den beiden so verschiedenen Instrumenten her. Zarte „hoquetusartige“ Netze spannen allmählich ihre Flügel aus, als wollten sie den Kirchenraum weit hinter sich lassen. Von den Klangfarben der „Sonnenorgel“ in der Görlitzer Peterskirche, die alle vier Werke dieser CD-Edition adelt, nutzt sie vor allem das historische, in den Orgelneubau gerettete Register Onda maris. Auch die Cellostimme ist charakterlich bis ins Feinste ausgetüftelt. Sogar die Schnelligkeit der Bogenführung, mithin den Bogendruck, hat sie penibel festgelegt.
Dem genannten Interpretenpaar ist auch das Duo Gradual Edge gewidmet, das die aus Israel stammende Komponistin Chaya Czernowin 2012 ersann. Das Stück geht auf eine Rauminstallation des indischen Bildhauers Anish Kapoor zurück: zwei mächtige, ausgehölte Halbkugeln, dunkelblau pigmentiert. Die Komposition sucht der Blickspur in die wachsende Dunkelheit der Hohlkörper zu folgen. Indem sie extreme Registerlagen bevorzugt, dunklem Orgelklang hohe Glitzermotive und „vermittelnde“ Glissando-Gesten des Cellos entgegensetzt, die sich dehnen und einander überlagern, suggeriert sie einen spiralförmigen Formverlauf.
Außermusikalisch angeregt ist auch die dialogisch gedachte Klangraum-Musik Augenblicke – Gebet der Koreanerin Younghi Pagh-Paan. 1994 bis 2011 leitete sie eine Kompositionsklasse an der Bremer Hochschule der Künste. Das gleichfalls für Cello und Orgel konzipierte Werk huldigt der religiösen Denkwelt des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, teilt seine unbedingte Hingabe an Gott im Gebet. Den „Augenblicken“ des Werktitels entsprechend reihen sich kontrastierende Klangmomente aneinander, die seelischen Spannungszuständen gleichkommen. Das Stück beschreibt „einen großen Bogen von Himmlisch zu Irdisch, von Anfechtung zu Frieden, von Kampf zu Demut und von Zerstreuung zu Meditation“, so die Komponistin. Christina Meißner und Poul Skjølstrup Larsen treffen den panreligiösen Geist der Musik, indem sie die Gegensätze miteinander aussöhnen.
Zur Einweihung der Görlitzer „Sonnenorgel“ komponierte René Mense, der in seiner Geburtsstadt Hamburg bei Ulrich Leyendecker studierte und vor allem mit geistlicher Vokalmusik bekannt wurde, 2006 eine Fantasie und Variationen für Violoncello und Orgel – diesmal mit dem musikalischen Hausherrn, Kantor Reinhard Seeliger, auf der Orgelbank. Der kanonisch angelegten Fantasie folgen Variationen über kein Thema, sondern das Vierton-Motiv des ersten Werkteils. Hier wie dort erweist sich Mense als gewitzter Kontrapunktiker und Formbildner.
Geräuschtheater
Frank Hilberg
In unseren expressionssüchtigen musikalischen Zeiten, in denen so
gerne auf die Emotionsdrüse gedrückt wird (selbst in der tränenseligen
Epoche der Empfindsamkeit ging es in der Musik vergleichsweise
sachlich zu), erfüllt allein ein Titel wie Wolke und Mond den gefühlsbelästigten Zeitgenossen mit unguten Erwartungen. Besonders wenn das Stück auch noch für Akkordeon und Violoncello geschrieben ist - eine mittlerweile populär gewordene Kombination zweier Instrumente, mit denen bereits ungezählte Verbrechen im Namen der Rührseligkeit begangen wurden.
Aber Glück gehabt, die Komponistin Adriana Hölszky ist eine Frau des kräftigen Striches, Flauheit ist ihre Farbe nicht (aber Klotzigkeit darum noch lange nicht). Obwohl sie ohne Melodik auskommt und auch die Harmonik ganz zurücktritt, ist ihr Klanggefüge von großer Plastizität und bringt ein Element in die neue Musik zurück, das schon vollends ausgetrieben schien: Drive. Nicht durch Motorik, sondern durch eine ausgeklügelte Dramaturgie der Dynamik: ein Andrängen und Abschwellen, ein Stop and go auf engstem Raum.
Claudia Buder und Christina Meißner, die beiden Mitglieder des Ensembles Klangwerkstatt Weimar (Animato acd 6065, Vertrieb:www.bauerstudios.de) lassen die Tremoli prasseln und verleihen den Klängen Effet. Der Titel geht übrigens auf ein
zenbuddhistisches Koan zurück - keine Quelle, die der Sentimentalität
verdächtig ist.
Das dramatische Gespür von Hölszky, belegt durch ihre
Musiktheatererfolge, offenbart sich auch in ihrer Kammermusik. Zum
Beispiel, wenn sie zwei (oder mehr) Charaktere in immer neuen
Konstellationen einander umkreisen lässt. Dabei kommt es zu Wahlverwandtschaften und Idiosynkrasien. Segmente II für zwei Klangzentren - gespielt von Christoph Ritter und Matthias Schröder - zeigt die Symbiose eines Klaviers, das nur im Inneren gespielt wird, mit einem aus mehrdutzendfachen Holzklängen sortierten Schlagzeug. Serienweise fallen die Geräuschkaskaden (zivilisierte Geräusche, nicht die garstiglärmige Art) übereinander her, verwandeln sich perlend, schnarrend, rasselnd. Ein Dramolett der besonderen Art, das zeigt, dass nicht jedes Theater eine Bühne braucht.
Lux Vivens (2022)
Lux Ardens (2023)
Lux Serena (2024)
Lux Obscura (2025)
Vier Werke von John Palmer, die auf dem Konzept des Lichts als Metapher des Transzendentalen und in Übereinstimmung mit Hildegards mystischen Visionen basieren. Jedes dieser Werke ist von einer bestimmten Vision inspiriert. Die Tetralogie besteht aus Lux Vivens, Lux Ardens, Lux Serena und Lux Obscura und ist das Ergebnis einer intensiven forschungsbasierten Zusammenarbeit mit der einzigartigen Virtuosität von Christina Meißner. (der Komponist)
Diese Werke erklingen im Wechsel mit Gesängen der Hildegard von Bingen in einer Bearbeitung von Christina Meißner.
Hildegard von Bingen
Cum erubuerint
John Palmer
Lux Vivens
Hildegard von Bingen
O deus, quis es tu
John Palmer
Lux Ardens
Hildegard von Bingen
Karitas habundat
John Palmer
Lux Obscura
Hildegard von Bingen
O rubor sanguinis
John Palmer
Lux Serena
Hildegard von Bingen
Aer enim volat
Hildegard von Bingen (1098-1179)
O frondens virga
arr. für Cello
Sofia Gubaidulina (1931)
Aus den Visionen der Hildegard von Bingen (1994)
für Alt solo, arr. für Cello solo
Hildegard von Bingen (1098-1179)
Aer enim volat
arr. für Cello
Martin Rane Bauck (1988)
The air from afar (2018)
UA 02.11.2018 Diusburg
Esaias Järnegard (1983)
à Sibyl – Mǒnē (2019)
UA 08.09.2019 Weimar
Hildegard von Bingen
O virtus sapientiae
arr. für Cello
Lisa Streich (1985)
FLEISCH (2017)
UA 22.06.2017 Rom
Hildegard von Bingen
De Sancta Maria – O splendissima gemma
arr. für Cello solo mit Stimme
Hildegard von Bingen
O eterne deus
arr. für Cello
Joseph Andrew Lake (1979)
I am a clock (2018)
UA 25.11.2018 Løgumkloster
Lisa Streich
KOLON (2017)
Christina Meißner Cello und Arrangements
Sofia Gubaidulina (1931)
Aus den Visionen der Hildegard von Bingen (1994)
Die russische Komponistin Sofia Gubaidulina ist fasziniert von der mittelalterlichen Universalgelehrten. „Aus den Visionen der Hildegard von Bingen“ für Alt solo nähert sie sich dem Kompositionsstil ihres Vorbilds an, beginnend mit zwei aufeinander folgenden Quinten. Zugrunde legte sie einen Text, der als Quintessenz von Hildegards Visionen verstanden werden kann. Gott hat zwar mit der Schöpfung das Ewige und Unsichtbare erschaffen. Sichtbar werden seine Taten allerdings nur in der Vision. Gubaidulina liest den Text auch als Botschaft an ihren befreundeten Kollegen Alfred Schnittke, dem sie die Komposition zu dessen 60. Geburtstag 1994 widmete. Christina Meißner präsentiert das eingängige Werk in einem Arrangement für Violoncello solo.
Martin Rane Bauck (1988)
The air form afar (2018)
Laut Hildegard, die das typische Selbstbewusstsein eines mittelalterlichen Theologen besass, war Adam vor dem Sündenfall mit dem engelsgleichen Gesang gut vertraut, und "er hatte eine Stimme, die wie das Monochord klang". Obwohl wir ins Exil verbannt wurden, tragen wir die Spuren dieses friedlichen und unschuldigen Urzustandes weiter in uns, und wenn wir Musik hören, sind wir wieder mit diesem Urzustand verbunden und senden eine Klage aus.
Ob man nun daran glaubt oder nicht - diese Bildersprache ist bemerkenswert. Und The air from afar beruht auf der Idee, selbst in Kontakt zu treten - durch das Geräusch der Klänge - mit ferner Musik, fernen Liedern, fernen Stimmen, ferner Luft - mit einem mythischen Ursprung, und mit Hildegards Hymne aus dem 12. Jahrhundert.
Esaias Järnegard (1983)
à Sibyl – Mǒnē (2019)
Das Stück ist zischen zwei Pole aufgespannt: auf der einen Seite die rheinische Sibylle, Hildegard von Bingen und auf der anderen die Karmeliterin und Mystikerin Teresa von Ávila aus dem 16. Jahrhundert. Wenn Sie mit einem Mikroskop ausgestattet sind, finden Sie versteckt im Klang und in den Texturen Spuren von Melodien, Wörtern (die geheime Lingua Ignota von Hildegard) und möglicherweise sogar die Stimme der Extase von Hildegard. In der Form des Stückes tauchen die Villen (im klassischen Griechisch mǒnē) aus Àvilas Buch Die innere Burg als unterschiedliche Bewegungen der Kontemplation auf. Im Wesentlichen besteht das Stück aus 8 kürzeren Sätzen, die zu einem Satz zusammengefügt sind, jeder einzelne mit einem anderen „Hommage“-Untertitel versehen, der eine breite Palette meiner mystischen und musikalischen Vorfahren zusammenfasst.
Teresa von Àvila schreibt in ihrem Buch Die innere Burg über das Gebet und das Klosterleben, nicht als eine Tätigkeit, sondern als einen Zustand des Seins. Klang ist für mich genau das. Es ist nicht etwas, was ich jeden Tag für ein paar Stunden tue, sondern es ist eine Art zu existieren; unmöglich vom Leben zu unterscheiden.
Der Eröffnungsklang des Schlussteils bis zum letzten Moment eines instabilen Multifonics ist eine Erkundung des Klangs in einem imaginären Raum, in dem Vergangenheit und Gegenwart durch die Hände und den Cellokörper des Interpreten zum Schwingen kommen. Hierdurch wird der Klang von seinem expliziten Ursprung in eine – hoffentlich – mystischere ursprünglichere Dimension getragen.
Esaias Järnegard (* 1983) ist in Stockholm geboren und aufgewachsen. 2013 schloss er sein Studium mit einem Master of Music ab. Wesentlich für seine Ästhetik ist sein Fokus auf die Beziehung zwischen Körper und Instrument, nicht nur in Bezug auf seine Körperlichkeit, sondern auch auf das Echo der rituellen oder magischen Dimensionen des Klangs.
Joseph Andrew Lake (1979)
I am a clock (2018)
I am a clock (2018) befasst sich mit einer Serie von einmaligen, in der Spielweise inkongruenten Doppelgriffen: in denen jede Note einen anderen Anspruch an Bogenhaltung, Bogendruck und Bogengeschwindigkeit erfordert. Es ist möglich, dass es nur eine handgepflückte Anzahl an verschiedenen Bogengeschwindigkeiten gibt, die mit diesen Noten funktioneren; vielleicht muss die Cellistin den Bogen in einem speziellen Winkel zum Steg spielen. Vielleicht muss sie minutiös den Bogendruck für jede Seite verschieden verlagern – und das gleichzeitig.
Das Stück wird somit zu einer Etüde sowohl für Bogenführung als auch für das genaue Hinhören. Das Ohr muss stets den Klang kontrollieren und die Bogenführung muss kontinuierlich angepasst warden, damit keiner der beiden Töne versehentlich verklingt. Das Existentielle der Situation und die ununterbrochene Aufmerksamkeit des Spielers verleihen dem Klang eine tiefe Expressivität: für mich erhält der Klang durch das kontinuierliche Hinhören und die konstante Kontrolle der Tonerzeugung sein ganz eigenes Profil.
Folgendes Gedicht von Inger Christensen liegt dem Titel und der Kompositionsidee zugrunde:
stehe ich
alleine im schnee
wird klar
dass ich eine uhr bin
wie sollte die ewigkeit
sich sonst zurechtfinden
(Inger Christensen, “Hvis jeg står” from Lys, trans. Susanna Nied, Hans Grössel)
Lisa Streich (1985)
FLEISCH (2017)
In FLEISCH geht es um die Kreuzigung: das Leben davor, den Tod und das Leben danach. Die Feinheiten dessen wie unter einer Lupe betrachtet: Nägel und Fleisch, Dies und Jenseits, Leben und Tod und die Erlösung.
FLEISCH versucht sich
auf die Schnittstelle zwischen menschgewordenem Fleisch und metallenem Nagel zu konzentrieren.
Der verursachende Schmerz der pocht, konstant ist, sich verflüchtigt oder sich auf andere Ebenen begibt, in denen der Schmerz nur noch sekundär ist.
Die Schönheit des weichen, feinen, von Blutgefäßen verästelten Fleisches und die unausweichliche Kälte, Schärfe und Härte des Nagels der sich durch das Fleisch bohrt.
Ein Ausschnitt quasi eines kurzen Momentes in einem Gemälde, einer Zeit oder einer Gegenwart.
KOLON ist auch für Christina Meißner geschrieben im Zusammenhang mit einer Aufführung von FLESICH und Hildegard von Bingen Gesängen. Es kann frei zwischen die Gesänge eingeschoben werden als Vorausschau auf FLEISCH oder Rückblick auf FLEISCH.
Hildegard von Bingen (1098-1179)
O frondes virga – O grüner Zweig
arr. für Cello solo
Sofia Gubaidulina (1931)
Aus den Visionen der Hildegard von Bingen (1994)
für Alt solo, arr. für Cello solo
Giovanni Battista Degli Antonii (1636-1689)
Ricercata X
André Jolivet (1905-1974)
Suite en concert (1965)
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Suite Nr. 2 in d-Moll BWV 1008
Chaya Czernowin (1957)
for cello solo (1981)
Hildegard von Bingen (1098-1179)
O virtus Sapientiae – O du Kraft der Weisheit!
arr. für Cello solo
Wie zur Bekräftigung der These, das Cello komme unter den Instrumenten der menschlichen Stimme am nächsten, beginnt die Weimarer Cellistin ihren Auftritt mit „O frondens virga“ (O grüner Zweig), einer Cellobearbeitung des einstimmigen Gesangs der Hildegard von Bingen im etwas fremdartig klingenden Moll-Modus dorisch. Vibratolos gelingt dem Cello einerseits die keusch-fromme Suggestion, die andererseits durch die typische Verzierungsfreude von Bingens Liedern mit Erregung angereichert wird. Eine zusätzlich zur Melodie gespielte Leersaite grundiert das Stück dazu mit dem typisch mittelalterlichen, Ewigkeit verströmenden Bourdonton. Bewegung und Stillstand, es war ein kleines Spannungsbeet, das hier zur Ouvertüre angerichtet und später erheblich ausgebaut werden sollte.
Zunächst mit einer fiebrigen, von Bingens Visionen inspirierten Komposition Sofia Gubaidulinas von 1994, die mit in höchste Lagen sich vortastenden Halbtonschritten so intensiv wie vergeblich im künstlerisch-krisenhaften 20. Jahrhundert nach dem sicheren Heimathafen zu forschen scheint.
Das Cello als Gesangsinstrument entsorgt die Suite en concert des französischen Avantgardisten André Jolivets von 1965 ebenfalls nicht, selbst wenn bei der Suite die Tonalität vertrieben ist und Jolivet teils perkussive Bogen- und unsingbare Akkordtechniken fordert: Bei allem lässt eine intonatorisch souveräne und detailgenaue Christina Meißner immer wieder einen romantisch-ariosen Ton hören.
SZBZ (10.08.15)
So warm, intensiv und spannend ist Bach selten zu hören. Schwierigste Läufe und Akkorde kommen völlig unangestrengt, langsame Passagen wie die Sarabande sind purer Klang, dann Bourrée und Gigue hochvirtuos und tänzerisch-leicht. Volksstimme (04.08.15)
Die israelische Komponistin Chaya Czernowin (*1957) schrieb in jungen Jahren eine von Urkraft, Sehnsucht, Empfindsamkeit und introvertierter Sinnlichkeit kündende Musik.
Imenauer Allgemeine (10.09.15)
Der Dom strahlte im warmen Abendlicht und die Zuhörer verließen ihn, überrascht von so viel Wohlklang und Virtuosität, begeistert und, nun ja, beseelt.
Havelberg, Volksstimme (04.08.15)
Isang Yun (1917-1995)
Glisseés (1970)
Peter Eötvös (1944)
Two Poems to Polly (1998)
Adriana Hölszky (1953)
NOUNS TO NOUNS II (1983)
Salvatore Sciarrino (1947)
Ai limiti della notte (1984)
René Mense (1969)
TOUCH...WINDOWS (1996)
Bernd Alois Zimmermann (1918-1970)
4 kurze Studien (1970)
Klaus Huber (1924)
Rauhe Pinselspitze (1992)
Giovanni Battista degli Antonii (1636-1698)
Ricercar
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Suite Nr. 5 in c-Moll BWV 1011:
Pau Casals/ Sally Beamish (1876-1973)
El Cant dels Aucells:
Der Gesang der Vögel
Franghiz Ali-Zadeh (1947)
Aşk Havası (1998)
Benjamin Britten (1913-1976)
I. Suite, op. 72 (1965)
Peter Eötvös (1944)
Two Poems to Polly
Two Poems to Polly
ist ein gesprochenes Lied über die Unannehmlichkeit der Unveränderlichkeit.
Die Gedichte wurden vor 1000 Jahren von einer Japanerin geschrieben, die als Dichterin am Kaiserlichen Hof gelebt hat. Ihr Name ist uns nicht bekannt, darum wird sie in der Literatur „die Dame (aus) Sarashina“ genannt.
„In meiner Komposition für eine sprechende Cellistin interpretiere ich ihre zeitlosen Texte als einen Dialog: ein Mann erwartet seine verstorbene Geliebte aus dem Jenseits zurück. Und die Stimme aus dem Jenseits antwortet.“
Peter Eötvös
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Suite Nr. 3 C-Dur BWV 1009
Benjamin Britten (1913-1976)
III. Suite, op. 87 (1971)
Isang Yun (1917-1995)
Glissées (1970)
in vier Sätzen
Gaspar Cassadó (1897-1966)
Suite für Violoncello solo
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Suite Nr. 1 G-Dur
Max Reger (1873-1916)
Suite G-Dur op 131c Nr. 1
Mieczyslaw Weinberg (1919-1996)
Sonate Nr. 1 op.72 (1960)
Adriana Hölszky (1953)
Nouns to nouns II (1983)
Menachem Wiesenberg (1950)
Monodialogue
Fantasie (1999/2005)
Domenico Gabrielli (1651-1690)
Ricercari
György Ligeti (1923-2006)
Sonate (1948-53)
Salvatore Sciarrino (1947)
Ai limiti della notte (1984)
René Mense (1969)
Studie II: Überblendungen (2008)
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Suite Nr. 4 in Es-Dur
Hirten- und Minnelieder (11. bis 12. Jh., arrangiert: René Mense)
Elliott Carter (1908)
Figment I (1994)
Artur Schnabel (1882-1951)
Sonate (1931)
Elliott Carter (1908)
Figment II (2001)
Minnelied (12. Jh., arrangiert: René Mense)
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Suite Nr. 6 in D-Dur
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Suite II d-Moll, BWV 1008
Ernest Bloch (1880-1959)
Suite Nr. III für Violoncello solo
George Crumb (1929)
Sonata for Solo Violoncello
Max Reger (1873-1916)
Suite a-Moll, op.131c Nr.3 für Violoncello allein
Elliott Carter (1908)
Figment II (2001)
Eugéne Ysaÿe (1858-1931)
Sonate, op.28
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
III. Suite C-Dur, BWW 1009
Benjamin Britten (1913-1976)
III. Suite, op.87
Das Gesamtwerk von Bach und Britten für Violoncello solo
Ein Zyklus von drei Konzerten
1
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Suite Nr. 1 in G-Dur BWV 1007
Benjamin Britten (1913-1976)
III. Suite, op. 87
Johann Sebastian Bach
Suite Nr. 4 in Es-Dur BWV 1010
2
Johann Sebastian Bach
Suite Nr. 3 in C-Dur BWV 1009
Benjamin Britten
I. Suite op. 72 (1965)
Johann Sebastian Bach
Suite Nr. 5 in c-Moll BWV 1011
3
Johann Sebastian Bach
Suite Nr. 2 in d-Moll BWV 1008
Benjamin Britten
II. Suite op. 80
Johann Sebastian Bach
Suite Nr. 6 in D-Dur BWV 1012
Antonii, Giovanni Battista Degli
Ricercati
Bach, Johann Sebastian
Suiten I-VI, BWV 1007-1012
Martin Rane Bauck (1988)
The air form afar (2018)
Bingen, Hildegard von (arr. Christina Meißner)
O frondes virga
O virtus sapientiae
Aer enim volat
O eterne deus
O splendissima gemma
Cum erubuerint
Karitas habundat
O rubor sanguinis
O deus, quis es tu
Bloch, Ernest
Suite Nr. 3
Britten, Benjamin
Suiten I-III
Thema „Sacher“
Burghardt, Benedikt
Solo
Cage, Jon
one 8
Carter, Elliott
Figment I und II
Cassadó, Gaspar
Suite für Violoncello solo
Crumb, George
Sonata for Solo Violoncello
Eötvös, Peter
Two Poems to Polly, for a speaking cellist
Gabrielli, Domenico
Ricercari
Ginastera, Alberto
Puneña
Goldmann, Friedrich
Cellomusik
Gubaidulina, Sofia
Aus den Visionen der Hildegard von Bingen
(arr. Christina Meißner)
Hindemith, Paul
Sonate für Violoncello solo
Hölszky, Adriana
nouns to nouns II
Honegger, Arthur
Paduana
Hosokawa, Toshio
SEN II
Ibert, Jaques
Ghirlarzana
Esaias Järnegard (1983)
à Sibyl – Mǒnē (2019)
Jolivet, André
Suite en concert
Kagel, Mauricio
General Bass
SIEGFRIEDP
Kantscheli, Gia
Nach dem Weinen
Katzer, Georg
An einen abwesenden Freund
Kodály, Zoltan
Solosonate
Lachenmann, Helmut
Pression
Joseph Andrew Lake (1979)
I am a clock (2018)
Ligeti, György
Sonate für Violoncello solo
Lutosławski, Witold
Sacher-Variation
Mense, René
Ecce lignum crucis
Touch...Windows
Hirten- und Minnelieder (Bearbeitung)
Studie II Überblendungen
Mundry, Isabel
Cellosolo
Pagh-Paan, Younghi
AA-GA I
Palmer, John
Lux Vivens (2022)
Lux Ardens (2023)
Lux Serena (2024)
Lux Obscura (2025)
Penderecki, Krzystof
Capriccio per Siegfried Palm
Prokofjew, Sergej
Sonate für Solocello op. 134 (unvollendet)
Reger, Max
Suiten I-III
Saariaho, Kaija
Petals
Schnabel, Artur
Sonate für Solocello
Sciarrino, Salvatore
Al limiti della notte
Schnittke, Alfred
Klingende Buchstaben
Lisa Streich (1985)
FLEISCH (2017)
Tagell, Rogelio Huguet y
Deuxieme Suite Espaniole
Walton, William
Passacaglia
Weinberg, Mieczyslaw
Sonate Nr. 1 op.72
Wiesenberg, Menachem
Monodialogue, Fantasie
Xénakis, Iannis
nomos alpha
Ysaÿe, Eugène
Sonate pour Violoncello seul
Yun, Isang
Glissées
Zimmermann, Bernd Alois
Vier kurze Studien
Ali-Zadeh, Frangis
Habil-Sajahy
Bach, Johann Sebastian
Gambensonaten BWV 1027 1029
Beethoven, Ludwig van
Sonaten op. 69 und 102
Brahms, Johannes
Sonate e-moll op. 38
Sonate F-Dur op. 99
Britten, Benjamin
Sonate in C op.65
Chopin, Frederic
Introduction und Polonaise brillante
Debussy, Claude
Sonate
Nocturne et Scherzo (1882)
Fauré, Gabriel
Sonaten op. 109 und op. 117
Feldmann, Morton
Durations 2
Franck, César
Sonate
Ginastera, Alberto
Sonata op. 49
Grieg, Edward
Sonate a-Moll op. 36
Herzogenberg, Heinrich von
Sonate Nr. 1
Janácek, Leoš
Pohádka
Jolivet, Andre
Nocturne
Liszt, Franz
Zweite Elegie
La Lugubre Gondola
Die Zelle von Nonnenwerth
Lutoslawski, Witold
Grave
Martin, Frank
Ballade
McMillan, James
Kiss On Wood
Mense, René
Grand (In Erinnerung an Stefan Wolpe)
Pfitzner, Hans
Sonate fis-moll op. 1
Piazzolla, Astor
Le Grand Tango
Prokofjew, Sergej
Sonate C-Dur op. 119
Rihm, Wolfgang
von weit (Antlitz) 1993
Scelsi, Giacinto
To the master
Improvisation I u.II
Schnittke, Alfred
Sonate
Schostakowitsch, Dimitri
Sonate d-moll op. 40
Schubert, Franz
Arpeggione-Sonate a-moll
Schumann, Robert
Fantasiestücke op. 73
Stücke im Volkston op.102
Takemitsu, Toru
Oreon
Terzakis, Dimitri
Lalita (1987)
Webern, Anton
Drei kleine Stücke op. 11
Cellosonate (1914)
Yun, Isang
Nore
Espace I
Zimmermann, Bernd Alois
Intercomunicazione
Omri Abram (1986)
Lavan (2019)
Bach, Johann Sebastian (1685-1750)
Gambensonaten BWV 1027-1029
Cage, John
Six melodies
Corbett, Sidney
Variations (l’annunziazione / Die Verkündigung)
Desprez, Josquin
Canzonen
Falla, Manuel de
Suite populaire espagñole
Fauré, Gabriel
Tantum ergo
Pie Jesu
Franck, César
La Procession
Gubaidulina, Sofia
In croce
Hölszky, Adriana
Wolke und Mond
Hosokawa, Toshio
In die Tiefe der Zeit
Janácek, Leoš
Pohádka (Märchen)
Katzer, Georg
Versuchte Annäherung
Lasso, Orlando di
Magnum opus Musicum
Mense, René
Hirten- und Minnelieder (Arrangement 2005)
Muffat, Georg
Ciacona
Pärt, Arvo
Spiegel im Spiegel
Piazzolla, Astor
Oblivion
Milonga sin Palabras
Le Grand Tango
Praetorius, Michael
Tänze aus Terpsichore
Rossi, Michelangelo
Toccata settima
Saint-Saëns, Camille
Ave verum
Satie, Erik
Danses Gothiques
Streich, Lisa
RUE CUVIER ou LES YEUX AU CIEL
Yun, Isang
Intermezzo
Bach, Johann Sebastian
Sonate D-Dur BWV 1028 (Arr.)
Bibl, Rudolf
Zwei Adagio op. 39
Boccherini, Luigi
Sonate A-Dur (Arr.)
Czernowin, Chaya
Gradual Edge
Dupré, Marcel
Sonata a-Moll op. 60
Légende
Berceuse Enfantine
für Cello und Orgel
Fischer, Carl August
Consolation
Gubaidulina, Sofia
in croce für Violoncello und Orgel
Kirchner, Theodor
2 Tonstücke für Cello und Orgel op. 92
Mense, René
Fantasie und Variationen
Pagh-Paan, Younghi
Augenblicke - Gebet
Saint-Saëns, Camille
Prière op. 158
für Cello und Orgel
Samazeuilh, Gustave
Prélude
für Cello und Orgel
Schneider, Enjott
Sulamith
Danses sacrées für Cello und Orgel 2010
Schröder, Hermann
Salve Regina Cantilena choralis für Cello und Orgel
Streich, Lisa
SERSAPH
Vasks, Peteris
musique de soir für Cello und Orgel
Vivaldi, Antonio
Sonate B-Dur RV 46 (Arr.)
Antonio Vivaldi
Konzert g-Moll für zwei Celli, Streicher und Continuo, PV 411
Joseph Haydn
Konzert C-Dur, Konzert D-Dur Nr. II, Hob. VII b:4
Antonín Dvořák
Konzert h-moll, op.104
Robert Schumann
Konzert a-moll, op. 129
Johannes Brahms
Konzert a-moll, op. 102, für Vl, Vc und Orchester
Edward Elgar
Konzert op. 85
Édouard Lalo
Konzert d-moll
Camille Saint- Saëns
Konzert a-Moll op. 33
Peter Tschaikowski
Variationen über ein Rokoko-Thema
Ottorino Respighi
Adagio con Variazioni
Max Bruch
Kol Nidrei op.47
Hans Pfitzner
Konzert für Vl, Vc und Orchester
Toshio Hosokawa
In die Tiefe der Zeit für Violoncello, Akkordeon und Streichorchester
Kerer, Manuela
Sterntropfen
Mense, René
Magdalenas Weheklag
Âne Wê
Nystedt, Knut
Stabat Mater
O'Regan, Tarik
Magnificat und Nunc dimittis
Szymko, Joan
Nada te turbe
Tavener, John
Svyati (Heilig)
Akusmatische Komposition: Christina Meißner
Die Radiofassung entstand im Auftrag des DLF, Redaktion Frank Kämpfer.
Ursendung am Samstag, den 4. März 2023
Atelier neuer Musik
In ihrem Musik-Hör-Stück „Wo bin ich?“ erkundet die Weimarer Violoncellistin Christina Meißner ihr Instrument unter dem Aspekt, nur mehr einen Zentimeter Spielraum zu haben. Das Resultat sind vierzig hoch intensive Minuten vielschichtiger Klänge, bei denen die Urheberin als Ausführende mit hoher physisch-emotionaler Intensität ihr Instrument und damit sich selbst neu zu erfahren versucht. Inspiriert ist diese künstlerisch-soziale Selbstreflektion von Bruno Latours spätem Text „Termite werden“; eine Art ökologischer Lesart von Franz Kafkas „Verwandlung“. Im Ausgang des
vierten Winters der Corona-Pandemie wird das Hörstück erstausgestrahlt. Es schichtet mehrere Audiospuren, Live-Spiel sowie Prosa von Stephanie Geissler. Produziert wurde das Stück im Vision Studio des Komponisten John Palmer.
hier zu hören:
https://soundcloud.com/christina-meissner-19985236/wo-bin-ich-2025-final
Selten habe ich eine Interpretin erlebt, die sich so intensiv und engagiert auf einen schöpferischen Prozess einlässt. Ihr Einsatz für die zeitgenössische Musik geht weit über die reine Interpretation hinaus. Für Christina Meißner zu komponieren bedeutet, mit einer Musikerin in einen Dialog zu treten, deren Neugier, Präzision und Vorstellungskraft immer wieder neue Perspektiven der musikalischen Kreativität eröffnen.
John PalmerSie hat ein präzises Gehör und eine brillante Technik. Das Außergewöhnliche an ihr ist jedoch ihre immense musikalische Intelligenz, Offenheit und Vorstellungskraft. Sie nähert sich neuem musikalischem Material mit solcher Offenheit, Weisheit und Vorstellungskraft an, dass es scheint, sie hätte es aus dem Inneren erfunden.
Chaya CzernowinEine brillante Cellistin, die eine starke künstlerische Persönlichkeit besitzt. Ideale Interpretin meines Werkes. Sie hat große Subtilität und Fantasie in ihrem Cellospiel. Sie erreicht immer internationales Höchstniveau.
Adriana HölszkyIch begegnete einem energievollen, zugleich sanften, aufmerksamen und unglaublich bedachten Menschen und freute mich sehr, für sie schreiben zu dürfen.
Ich bin beeindruckt von der Gewissenhaftigkeit, Genauigkeit und extrem notengetreuen Interpretation des Stückes. Eine Beherrschung des Instruments und der Musik war sofort in der Luft – welch Geschenk für einen Komponisten.
Ich war von dem Konzert sehr beglückt. Durch ihr volles künstlerisches Engagement verlieh sie meinen Kompositionen im Konzertsaal eine tiefsinnige Interpretation.
Sie ist eine ganz außergewöhnliche, hochsensible Cellistin.
Präzision und gestalterische Intensität…
Sie ist eine hochkarätige Musikerin, bei der technisches Können, Offenheit gegenüber dem Neuen und eine hochintelligente und zugleich brillante Musikalität aufs Glücklichste zusammenwirken … umfassende künstlerische und spieltechnische Kompetenz... mit einer besonderen Ausstrahlung.
Cellistin von außergewöhnlichem Format … großartige Phantasie, Intelligenz und Plastizität in Erarbeitung und Realisierungen neuer Werke und Werken des klassischen Repertoires…
Adriana HölszkyIhre enthusiastische, offene, respektvolle und gleichzeitig freie Haltung zur Musik und ihre unglaubliche Vielseitigkeit haben mich immer sehr stark beeindruckt.
Amparo LacruzMich berührte ihr Cellospiel in seiner starken Individualität und emotionalen Tiefe.
Marie-Luise Leihenseder-EwaldThe special feature of Meißner’s solo programmes is the fact that she goes far beyond the common classical-romantic repertoire. The spectrum reaches from the late middle ages to contemporary music. By exploring the possibilities of cello playing again and again to her limits, Christina Meißner creates space for new sensual experiences.
Nicole ZeddiesThrough her work the extremely differentiated spectrum of the cello gets tangible qualities. Technical perfection does not lead to cold brilliance with her but broadens the way towards emotional truthfulness of the musical expression. With this expression she overcomes common categorisations such as new and old music.
Nicole ZeddiesHildegards Echo
Es war eine der außergewöhnlichsten Motetten der letzten 20 Jahre, überschrieben mit „Ispariz“, wie Hildegard von Bingen in ihren Visionen den heiligen und menschlichen „Geist“ nannte.
Zu Beginn die Psalm-Antiphon „O frondens virga“ („Oh grünender Zweig“), warm singend auf dem Cello des Leipziger Instrumentenbauers Christoph Friedrich Hunger von 1787. Nach Hildegards Musizierpraxis ließ Meißner oft auf einer zweiten Saite einen durchgängigen Fundamentton unter der Melodie mitlaufen – Symbol für Gottes Ewigkeit.
Sofia Gubaidulinas „Aus den Visionen der Hildegard von Bingen“, 2019 für Meißner komponiert, wuchs aus diesen Klangstrukturen organisch heraus wie ein Baum: expressiv sich verzweigende Gesten, in immer intensiver angespannten Bewegungen aufgeladen und aufgestiegen. Ein ständiges Wechselspiel von klanglicher Annäherung, Verschmelzung und Auseinanderdriften.
Auf Hildegards „Aer enim volat“ („Die Luft enteilt“) antwortete der Norweger Martin Rane Bauck mit „The air from afar“ („Die Luft aus der Ferne“, 2018): flackernde Atemgeräusche aus schnarrenden Obertönen, teils flirrend schnell schraffiert, teils kaum noch hörbar, fahl wie Wind im Schilf. Eine unglaubliche Tonbeherrschung und Klangfindung.
„Kolon“ (sinngemäß: „Schlusspunkt“, 2017) der schwedisch-deutschen Komponistin Lisa Streich war ein kurzes Bindeglied zwischen Hildegards „O virtus sapientiae“ („Oh Tugend der Weisheit“) und „O eterne deus“ („Oh ewiger Gott“). Hier wie auch in Streichs „Fleisch“ (2017) sang die Cellistin Töne in die Cello-Klänge hinein – wie ein schattenhaftes Echo, eine unwirkliche, innere Stimme. Wie bei Bauck faszinierte auch hier die experimentelle Klangfantasie: etwa mit schlagendem Bogen aus den niedergedrückten Saiten buchstäblich herausgehackte, geräuschhafte Eruptionen oder changierende Oberton-Prismen, die mit wellenartig „flechtendem“ Bogenstrich zum Leuchten gebracht wurden.
Nach Hildegards „O splendissima gemma“ („Oh schönstes Juwel“) war es sehr lange still in der Stiftskirche.
Ilmenau Jakobuskirche
Was Christina Meißner gelang, war ein subtiles Gestalten einer überaus großen Anzahl farbenprächtiger Klangbilder, die man vom Cello als Orchesterinstrument niemals zu hören bekommt. Das „Cello in Meißners Händen Aktion“ war vergleichbar mit einem gemischten Chor, besser noch mit einer Solistenvereinigung, die in den Stimmlagen vom tiefen Bass bis zum Countertenor agiert. Auf Orchesterinstrumente übertragen, fungierte das Cello als Summe aller Streichinstrumente in den unterschiedlichen Tonlagen, aber auch als Perkussionsinstrumentarium.
Wo der Saitenklang bei der Interpretation von Hildegard von Bingens „O splendidissima gemma“ nicht hinreichte, kam die summende Stimme der Cellistin unauffällig hinzu und komplettierte den Klang auf wundersame Weise.
Sindelfingen, Martinskirche
Publikum im Schwitzkasten
Musik von Mittelalter bis Avantgarde bei Orgelreihe mit Cello und Orgel
Bereits zum dritten Mal gab die Cellistin Christina Meißner ein Gastspiel in der Martinskirche. Erstmals brachte sie dazu den dänischen Organisten Poul Skjølstrup Larsen mit. Das Duo bescherte das bislang ungewöhnlichste Konzert der diesjährigen Orgelreihe.
Wie zur Bekräftigung der These, das Cello komme unter den Instrumenten der menschlichen Stimme am nächsten, beginnt die Weimarer Cellistin ihren Auftritt mit „O frondens virga“ (O grüner Zweig), einer Cellobearbeitung des einstimmigen Gesangs der Hildegard von Bingen im etwas fremdartig klingenden Moll-Modus dorisch. Vibratolos gelingt dem Cello einerseits die keusch-fromme Suggestion, die andererseits durch die typische Verzierungsfreude von Bingens Liedern mit Erregung angereichert wird. Eine zusätzlich zur Melodie gespielte Leersaite grundiert das Stück dazu mit dem typisch mittelalterlichen, Ewigkeit verströmenden Bourdonton. Bewegung und Stillstand, es war ein kleines Spannungsbeet, das hier zur Ouvertüre angerichtet und später erheblich ausgebaut werden sollte. Zunächst mit einer fiebrigen, von Bingens Visionen inspirierten Komposition Sofia Gubaidulinas von 1994, die mit in höchste Lagen sich vortastenden Halbtonschritten so intensiv wie vergeblich im künstlerisch-krisenhaften 20. Jahrhundert nach dem sicheren Heimathafen zu forschen scheint.
Das Cello als Gesangsinstrument entsorgt die Suite en concert des französischen Avantgardisten André Jolivets von 1965 ebenfalls nicht, selbst wenn bei den drei gespielten Sätzen aus der Suite die Tonalität vertrieben ist und Jolivet teils perkussive Bogen- und unsingbare Akkordtechniken fordert: Bei allem lässt eine intonatorisch souveräne und detailgenaue Christina Meißner immer wieder einen romantisch-ariosen Ton hören. Auch der allegro-moderato Satz aus der Cello-Orgelsonate von Marcel Dupré ist kein auf Effekt schielendes Bravourstück, wirkt bei elaborierter Harmonik mit emsig-marschartig in Vierteln und Achteln vorwärtsstrebenden Cello-Melodik allerdings recht rationalistisch.
Erheblich bizarrer und lebhafter im Vergleich dazu das mit Abstand längste Stück des Konzerts, „Augenblicke – Gebet“ der aus Korea stammenden Komponistin Younghi Pagh-Paan. Gewidmet hat sie es der Erinnerung an den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, einem der großen Unruhegeister der Philosophie- und Theologiegeschichte. Das mit Bingen angerichtete kleine Spannungsbeet weitet sich damit zum Spannungsacker, allein schon weil Organist und die Cellistin sich räumlich trennen und das Publikum sozusagen in den Schwitzkasten nehmen: Er bleibt auf der Empore, sie spielt im Altarraum. Die Stimme des Cellos wird indes weniger als Vokal- denn als Sprechsubstitut genutzt. Denn mit Trillern und bis in Clusterformen gehenden Akkorden entspinnt sich ein zwischen Ruhe und Verstörung oszillierender Dialog zwischen beiden Instrumenten, bei dem das Cello eine fabelhafte Klangpalette zwischen gleißend-metallischen Farben und zerbrechlichem Flüstern bis zu gelegentlich sattedlem Celloschönklang hören lässt – letztlich eine verblüffend passend anmutende musikalische Umsetzung vieler Kierkegaard-Texte, in denen in oft kapriziös dialektischen Wendungen die Austreibung vieler vermeintlicher Gewissheiten des 19. Jahrhundert-Zeitgeistes unternommen wird.
Wie zur großen Gegenthese spielt die Orgel zum Finale die monumental-selbstgewiss auftretende Fantasie über Lobet den Herren des dänischen Romantikers Niels Wilhelm Gade. Seine Solistenqualitäten hatte Poul Skjolstrup Larsen längst zuvor mit zwei kleinen, mal strengen, mal tänzerisch daher kommenden Canzonen Buxtehudes an der kleinen Orgel bewiesen.
Havelberger Dom
So warm, intensiv und spannend ist Bach selten zu hören
Havelberger Dommusiken: Christina Meißner gastierte am Freitagabend mit ihrem Cello Solo im Dom – ein Genuss für Ohr und Seele
Keiner der bisher in diesem Jahr im Havelberger Dom aufgetretenen Interpreten hat sich so perfekt auf die derzeit besondere Situation eingelassen. Der Dom, Spiegel der Stadtgeschichte seit dem Mittelalter, füllte sich mit Klängen aus allen seinen Zeiten. Und passend zu den Blumen überall draußen begann der Regen der Melodien mit Kompositionen aus der Feder der ersten deutschen Komponistin, der Ärztin,
Botanikerin, Klosterfrau und Mystikerin Hildegard von Bingen. Geboren übrigens im selben Jahr 1098 wie Anselm von Havelberg, der Wiederbegründer unseres Doms.
Es war Christina Meißner aus Weimar, die aus ihren Soloprogrammen diesen Spaziergang durch die Musik eines knappen Jahrtausends zusammengestellt hat und die Melodien auf ihrem phantastischen Barockcello (1787 von Chr. Fr. Hunger, Leipzig) zum Klingen brachte. Und es war auch ein Erlebnis, die zierliche Frau vor dem Lettner zu beobachten und zu hören, wie sie Instrument und Raum in selten gehörter Harmonie verschmelzen ließ.
Die Interpretin hatte ihren Vortrag in zwei Blöcke zusammengefasst und führte selbst mit wenigen Worten die Zuhörer in die Werke ein. Zusätzlich hatte sie auf dem schlichten Programmblatt die Texte Hildegards von Bingen, die der Musik zu Grunde lagen, in deutscher Übersetzung abgedruckt, eine nette Hilfe zum Verständnis.
Nun, das Cello in den Händen von Frau Meißner lässt Mittelaltermusik erklingen, einmalig schön und intensiv. Danach dann ein Sprung in die Gegenwart zur Bearbeitung einer Hildegard-Rezeption der wohl derzeit wichtigsten Komponistin, Sofia Gubaidulina, ursprünglich für Altstimme: Visionen, Grenzüberschreitungen in Klänge gefasst. Dann, wieder ein Sprung zurück zum Frühbarock des Italieners Degli Antonii, eine Ricercata wie eine Lobeshymne auf das damals neu entwickelte Cello, spielerisch und virtuos alle Möglichkeiten des Instruments auslotend. Und wieder ins 20. Jahrhundert, wo der Franzose André Jolivet in tiefer Ernsthaftigkeit Musik und neue Zeit zu verbinden sucht.
Wie Wolken am Himmel
Der zweite Block begann mit Johann Sebastian Bachs Suite Nr. 4 in Es-Dur BWV 1010. Dieses nun bekanntere Stück zeigte einmal mehr die herausragenden spielerischen und interpretatorischen Qualitäten der Cellistin. So warm, intensiv und spannend ist Bach selten zu hören. Schwierigste Läufe und Akkorde kommen völlig unangestrengt, langsame Passagen wie die Sarabande sind purer Klang, dann Bourrée und Gigue hochvirtuos und tänzerisch-leicht. Dass dieses Hörerlebnis noch zu steigern wäre, hat der Zuhörer nicht erwartet, aber dann erklang noch einmal ein modernes Stück, eine Eigenbearbeitung der Cellistin auf Bitte der Bostoner Komponistin Chaya Czernowin, die Transkription eines Violinsolos. Frau Meißner hatte in ihrer Einführung die Freude am stillen Erleben der Natur erwähnt, und so führte die Musik mit zeitgemäßen Klängen in eine Berglandschaft, schwebend und sensibel wie Wolken am Sommerhimmel. Der Konzertabend schloss und rundete sich mit Hildegard von Bingen.
Der Dom strahlte im warmen Abendlicht und die Zuhörer verließen ihn, überrascht von so viel Wohlklang und Virtuosität, begeistert und, nun ja, beseelt.
Flirrende Töne und Inferno auf vier Saiten Weimarer Cellistin Christina Meißner bereitet in Speyerer Domkrypta 1000 Jahre Musikgeschichte auf.
Gesänge der Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert standen an prominenter Stelle des gut einstündigen Konzerts. In Hildegards periodisch angelegten Sentenzen konnte Meißners edler, sanfter, freier Celloklang ruhig ausschwingen. Sequenzen der ersten Hildegard-Melodie liefen symbolisch zum Aufrichten des Menschen an Gott hoch auf. Zum Konzert-Ausklang schritt das Auf und Ab der Melodie im Gottvertrauen unverzagt fort.
Nach dieser Frühmusik schraubte sich die alles auswendig beherrschende Musikerin direkt von Hildegards Bassnote aus im modernsten Stück des Abends, einer Vokalise der Russin Sofia Gubaidulina auf die Offenbarung des Unsichtbaren, in intensiven Steigerungen in höchste Höhen. Das war Magie der Töne.
Am hohen Firmament schwirrender und flirrender Töne konnte sich die Weimarer Cellistin in akustischen Fernzeichnungen des Italieners Salvatore Sciarrino vom Ende der Nacht ergehen. Doppelgriffiges Flageolett-Zittern ließ die Vögel in der Morgendämmerung pfeifen. Geräusche umzirpten das Publikum, ebbten ins Vergeistigte ab und lebten wieder auf.
Handfester rang sich da der lange inhaftierte Koreaner Isang Yun in seinen Glissées von 1970 mit dröhnend gerissenen Pizzikati seinen Schmerz von der Seele. Energische Motionen reckten sich in die Höhe und bohrten sich in wiederkehrende Tonfolgen. Gewandt bewegte sich die engagierte Solistin in diesem explodierenden Inferno auf vier Saiten.
Zwischen all diesem Neuen und Aller-Neuesten spielte die Gast-Cellistin der Dommusik mit leichter Hand ein sich metrisch unablässig steigerndes Ricercar des Vor-Bach-Italieners Antonii. Von Bach selbst präsentierte sie sehr warm und kantabel die zweite Suite d-Moll. Deren gestalterische Fülle spielte sie zwar ohne scharfkantige Konturierung, aber dennoch filigran aus. Wie ein fein koloriertes Fresko drapierten sich Bachs Tanzsätze diesmal hin. In sanfter Gelassenheit intonierte die Solistin die Sarabande ganz so, wie sie gut in die Krypta als Ruhestääte passte. Ein musikalisch reichhaltiger, in sich geschlossener Abend.
Bodelshofen, Jakobskirche
Musik aus tausend Jahren
Die Cellistin Christina Meißner in der Jakobskirche in Bodelshofen
Hildegard von Bingen... erfüllten ihre in Klänge verwandelten, fast tausend Jahre alten Visionen am vergangenen Sonntag die intime Atmosphäre der kleinen Jakobskirche in Bodelshofen. Die Cellistin Christina Meißner aus Weimar brillierte mit einem außergewöhnlichen Soloprogramm, dessen Bandbreite seinesgleichen sucht. Die visionären Texte der Hildegard von Bingen, die Christina Meißner für das Cello arrangiert hat, bildeten die Klammer für eine gute Stunde musikalischen Hochgenuss. Ihr kraftvolles und zugleich zärtliches Spiel mit den klanglichen Möglichkeiten ihres charaktervollen Cellos, das 1787 in der Leipziger Werkstatt von Christopher Hunger gebaut worden ist, verdichtete sich in der feinen Akustik des Kirchleins zu einem unglaublichen Hörerlebnis.
Meißners exzellente Spieltechnik und ihre abgrundtiefe Musikalität zeigten sich besonders bei Salvatore Sciarrinos „Ai limiti della notte“ aus dem Jahr 1984. Minutenlange, schwerelose Tremoli in der rechten Hand, und im Flageolett gespielte Doppelgriffe über die gesamte Länge des Griffbretts, erschufen bis ins leiseste Pianissimo ein geradezu sphärisches Klanggemälde. Nicht weniger mitreißend die „Glisseés“ des 1995 verstorbenen Koreaners Isang Yun. Die virtuosen Glissandi und Pizzicati in beiden Händen waren schon unglaublich genug, aber spätestens als Christina Meißner in diesem Stück auch noch den Bogen weglegte und stattdessen die Cellosaiten mit einem Plektron akkordhaft anriss, wurde klar, welch hochkarätige Musikerin da nach Bodelshofen gekommen war. Natürlich darf in einem solchen Programm auch der Großmeister dieses Genres nicht fehlen. Mit der Solo-Suite Nr. 2 in d-Moll von J. S. Bach zeigte die Weimarer Cellistin noch einmal ihre außergewöhnliche Klasse und spannte den musikalischen Bogen vom sehr moderaten und ernsten Präludium über die tänzerische Leichtigkeit der mittleren Sätze bis hin zur furios gespielten Gigue.
Wendlingen, Eusebiuskirche
Demonstration hoch entwickelter Cellokunst
Mit kurzen einführenden Worten zum besseren Verständnis der einzelnen Werke für Cello Solo präsentierte die renommierte Cellistin Christina Meißner an diesem Abend ihr weit gefächertes Programm, das unter dem Motto „Havası“ (türkisch für: ‚Liebe, begeisterte Hingabe, eifriges Bemühen’) stand und dessen Bogen sich vom Frühbarock bis in die Moderne spannte. Dabei folgte sie ihrem musikästhetischen Credo, dass „alles seinen Platz findet: das Kantige neben dem Schmeichelnden, das Luftige wie das Raue, das Vergangene und das Gegenwärtige.“ Für diese genannten Kontraste ließen sich in den ausgewählten Stücken viele Belege finden.
Am Anfang stand ein mehrteilig gegliedertes Ricercar, eine Frühform der Fuge, des Bolognesers Giovanni Battista degli Antonii (1636-98), der zusammen mit Domenico Gabrielli als Pionier der Weiterentwicklung des Violoncellos zum Soloinstrument gilt und dieses Instrument aus dem Dornröschenschlaf des Generalbassspiels weckte. Meißner spielte dieses Stück, das zum Schluss hin eine dramatisch virtuose Steigerung erfährt, weithin in dynamisch zurückgenommener Angemessenheit, mit schlankem Ton, nahezu vibratolos und mit nur geringem Bogendruck und passte damit das Klangbild ideal an den sakralen Klangraum der Kirche an.
Mit ganz anderem solistisch-konzertantem Anspruch kommt Johann Sebastian Bachs Suite für Cello Solo, Nr. 5 in c-Moll (BWV 1011) daher. Das sechssätzige Werk birgt alle Facetten von Bachs Kompositionskunst in diesem Genre und stellt höchste bogen- und grifftechnische und tongestalterische Ansprüche an den Solisten.
Ein sonorer, dynamisch ausdifferenzierter Wohlklang im langsamen Teil des Präludiums mit seinen gebrochenen Akkorden wechselte sich im schnelleren Teil mit komplexem Figurenwerk ab, das trotz Einstimmigkeit fast polyphone Fugenwirkung entfaltete. Intonatorisch absolut saubere Mehrstimmigkeit war in der Allemande zu vernehmen, die hochvirtuose Courante wurde temperamentvoll als munter fließender Satz musiziert, das Herzstück, die konsequent einstimmige Sarabande wurde „sotto voce“, schlicht und in feierlichem Ernst, fast meditativ entrückt dargeboten. Die Solistin verzichtete dabei völlig auf Vibrato und gestaltete den Ton mit variablem Bogendruck, bis hin zum sanft verhauchenden Schlusston. In scharfem Kontrast dazu stand die energisch vorwärts drängende, tänzerische Gavotte, deren ausgeprägtes, immer rasanter vorbeihuschendes Laufwerk bewundernswert unangestrengt bewältigt wurde. Eine im punktierten Dreiviertelrhythmus unbeschwert tanzende Gigue, die mit federleichter und doch gestaltungsintensiver Bogenführung präsentiert wurde, beschloss den beeindruckenden und viel beklatschten Vortrag.
Mit dem „Cant dels Aucells“ (Lied der Vögel) des legendären katalanischen Cellisten Pablo Casals (1876-1973) in einem Arrangement von Sally Beamish von 1998 fand das Konzert seine Fortsetzung. Dieses katalanische Volkslied galt als Erkennungsmelodie des antifaschistischen Widerstands gegen Franco und durfte in keinem von Casals’ Konzerten fehlen. Meißners Interpretation bestach hier durch große Eindringlichkeit des Vortrags, bei dem sie das ganze Tonvolumen ihres prächtigen Instruments in dynamischer Spannbreite ausschöpfte. Kräftiges Forte, hauchzarte Pianissimi, sauber getroffene hohe Flageoletts, heikle Passagen in Daumenlage – da gab es nichts, was die Cellistin vor Probleme stellte.
Mit dem 1998 entstandenen Bravourstück „Aşk Havası“ (Liebesstimmung) der aserbaidschanischen Pianistin und Komponistin Franghiz Ali-Zadeh (* 1947), das fast experimentellen Charakter hat, ging es dann im Programm weiter. Das Werk thematisiert eine alte türkische Liebesgeschichte, in der es um Liebe auf den ersten Blick zwischen zwei jungen Menschen geht. Es ist gespickt mit eigentümlichen Klangeffekten: Glissandi, flirrende Tremoli, nahe am Steg gestrichene Passagen in „sul ponticello“-Technik, chromatische Sequenzen, Tonsprünge über mehrere Oktaven bringen eigentümliche Klangeffekte zuwege, verlangen aber dem Musiker alles ab, der dabei sogar noch den instrumentalen Tonsatz stimmlich unterstützen muss. Für diesen cellistischen Husarenritt gab es für Meißner den verdienten Beifall.
Mit Benjamin Brittens (1913-76) erster Suite op. 72 für Cello Solo von 1964 kam dann ein weiterer glanzvoller Höhepunkt dieses Abends. Dieses Werk ist zusammen mit den Cellosuiten op. 80 und op. 87 dem großartigen russischen Cellisten Mstislav Rostropovich gewidmet. Das neunsätzige, sehr abwechslungsreiche und überaus originelle Stück, in dem vier Canti das musikalische Gerüst bilden, wird ohne Pause musiziert und verlangt schon deshalb höchste geistige Präsenz vom Solisten.
Nach der Fuga, einem variantenreichen Satz, in dem sich Arpeggien, abrupte Tonsprünge, harsche Akkordschläge mit sanften Kantilenen abwechseln, folgte mit dem Lamento der vielleicht anrührendste Satz der Komposition. Meißner gestaltete ihn expressiv als unter die Haut gehende melancholische Totenklage, die bruchlos in den raunend mehrstimmigen Canto secondo übergeht. Der Serenata werden durch die teils mehrstimmigen Pizzicati gitarrenähnliche Klangfarben verliehen, die bogentechnisch brillant zelebrierte Marcia gefiel ebenso wie der sonor mehrstimmige Bordone-Satz, bei dem durch Einsatz des Dämpfers eine dudelsackähnliche Klangnuance geschaffen wurde. Als mitreißender Kehraus dann das abschließende Moto perpetuo, ein musikalisches Perpetuum mobile in fiebrig rasendem Presto, wo die Solistin nochmals alle Register ihres stupenden Könnens zog, bis hin zu den Pizzicati mit der linken Hand.
Nach dieser kaum zu überbietenden Leistung fungierte das abschließende Werk von 1998 „Two Poems to Polly“ (für eine sprechende Cellistin) des Ungarn Peter Eötvös (* 1944) quasi als Zugabe. Dabei handelt es sich gemäß dem Komponisten um ein gesprochenes Lied über die Unannehmlichkeit der Unveränderlichkeit. Die Gedichte wurden vor 1000 Jahren von einer Japanerin geschrieben, die als Dichterin am Kaiserlichen Hof lebte und in der Literatur als „Dame aus Sarashina“ bezeichnet wird. Die beiden Gedichte sind in der Komposition als Dialog zu verstehen, in dem ein Mann seine verstorbene Geliebte im Jenseits anspricht und diese ihm antwortet. Für die Solistin bestand bei ihrer suggestiven, eindringlich intensiven Darbietung die Kunst darin, den rezitativen Text genauestens mit der Musik abzustimmen, was ihr sehr gut gelang.
Begeisterter und dankbarer Beifall belohnten dieses kammermusikalische Erlebnis von hohen Graden.
Speyer, Johanneskirche
Ein Konzert als Tor zu einer anderen Welt
Weimarer Cellistin Christina Meißner erweist in der Speyerer Johanneskirche dem Solorepertoire für ihr Instrument eine hingebungsvolle Reverenz.
Unter dem Motto „Übergänge“ ist die Weimarer Cellistin Christina Meißner am Freitagabend in der Speyerer Johanneskirche aufgetreten. Ihr Konzert mit Werken von Bach über Britten bis Gaspar Cassadó hat dabei den Titel nicht nur musikgeschichtlich ausgeleuchtet.
Klangwelten jenseits des sonoren Timbres und der Brückenschlag zwischen Ost und West traten als sinnliche und philosophische Dimensionen hinzu. Bereits die Programmgestaltung gab Meißners Recital als hingebungsvolle Referenz an das Solorepertoire für Violoncello zu erkennen.
Ernsthaftigkeit und Konzentration prägten die Interpretation von Bachs C-Dur-Suite, die den Abend eröffnete. Um das Jahr 1720 entstanden, ist die Serie von sechs Suiten, zu der die Komposition gehört, ein Markstein auf dem Weg zu einem eigenständigen solistischen Repertoire und zugleich Bezugspunkt für Benjamin Brittens drei Cellosuiten.
Deren letzte, ein Geschenk Brittens für seinen Freund, den russischen Cellisten Mstislav Rostropovic, erklang im Anschluss. Mit seiner Vielzahl von Stimmungen, Farben und Setzweisen stellt dieses Stück eine echte Herausforderung für die Gestaltungskraft und Fantasie wie auch für die Technik seines Interpreten dar.
Meißners Widergabe bestach durch Fragilität und die vollkommene Beherrschung aller Klangelemente – vom harfenähnlichen Arpeggio über sanft melancholische Doppelgriffpassagen bis hin zum schnarrenden Pizzikato und abgerissenen Einwürfen. Ausgehend vom lyrischen Klagegesang der ersten Takte, erspielte sie sich mit Suggestionskraft das folkloristisch angehauchte Ende, Zitate russischer Volkslieder.
„Glissées“, vier kurze Stücke des koreanischen Komponisten Isang Yun, beleuchteten den Übergang von einem Ton zum nächsten. Dabei verschmelzen östliche und westliche Tonsprache zu einem singulären, persönlichen Stil, der Kunst des gleitenden Übergangs aus dem Geist des Tao. Mit Spielweisen, die sich bewusst möglichst weit von dem mit dem Cello assoziierten sonoren Klang entfernen, öffnet sich darin das Tor zu einer anderen Welt.
Mit künstlerischer und musikalischer Meisterschaft brachte Meißner sie ihrem Publikum trotzdem nahe. Im spielerisch unbefangenen Experimentieren mit den Möglichkeiten des Glissandos erschloss sich ein Kaleidoskop geräuschhaft-gestischer Klangwirkungen und Imitationen asiatischer Musikinstrumente.
Mit Gaspa Cassadós Suite schloss sich der Kreis: Wieder angekommen im europäischen Raum, setzte Christina Meißner einen wirkungsvollen Schlussakzent mit virtuoser Bravour und spanischem Kolorit.
Weißenburg, Söller
Ein echtes musikalisches Geschenk Werke von Johann Sebastian Bach und Benjamin Britten – Echtes Können und Persönlichkeit bewiesen
In der vielseitigen und niveauvollen Reihe der vhs-Konzerte gastierte Cellistin Christina Meißner im Söller des Gotischen Rathauses und bereitete der Stadt damit ein großes Geschenk. Die Zutaten des überaus spannenden Konzerts waren eine Künstlerin. die ihr Instrument vollkommen beherrscht, ein facettenreich wohlklingendes Violoncello aus dem Jahr 1789, mit dem die Interpretin fast schon verwachsen wirkt, ein dafür bestens geeigneter Raum mit Klang, Wärme und Atmosphäre, eine in sich stimmige Programm-Dramaturgie und natürlich die reife, tiefe und bis ins Letzte ausgearbeitete Musik von Johann Sebastian Bach und Benjamin Britten.
Die sächsische Solistin eröffnete den Abend mit der G-Dur-Suite für Cello solo von Johann Sebastian Bach, die nach einem volltönenden Prelude fünf barocke Tanzsätze stilisiert. Dabei konnte Meißner durch ihre schier grenzenlose Bogenbeherrschung die so unterschiedlichen Charaktere dieser Tänze punktgenau und mitreißend formulieren, Sie führte ihr fasziniertes Publikum dabei auf einem gleichermaßen selbstbewussten wie selbstständigen Weg zwischen den Klischees von Historismus und romantischer Virtuosität hindurch zu einem sprechenden und ansprechenden Kunsterlebnis.
Aus demselben Geist von Bescheidenheit und Reichtum. aber ungefähr 250 Jahre jünger, lebte anschließend die dritte Cello-Suite von Benjamin Britten aus dem Jahre 1971. In neun ineinander übergehenden Sätzen spannte sich ein Bogen kontrastreicher Bausteine, in denen die Fülle der instrumentalen Möglichkeiten des Cellos wirkungsvoll, aber nicht effekthascherisch ausgelotet wurden: Die vier Saiten wurden gezupft und gestrichen, beides auch gleichzeitig, mehrstimmiges Spiel („Dialogo“, „Fuga“, „Passacaglia“) wurde gepflegt, Klangfarben wurden auch beispielsweise durch Glissando, Spiel am Steg oder raffinierte Doppelgriffe entfaltet.
Ohne Netz und doppelten Boden, geschweige denn durch irgendeine Tontechnik geschönt, konnte sich Christina Meißner ihren aufmerksamen Hörern unmittelbar gegenüber sitzend ganz auf ihre Intonationssicherheit und ihre in- und auswendige Werkkenntnis verlassen.
Die zweite Konzerthälfte war ausgefüllt mit Bachs vierter Suite in Es-Dur, auf deren Besonderheiten die Solistin zuvor wiederum mit sympathischen Worten hinzuweisen verstand.
In einer Zeit, in der vieles von Technik, Show, Wirtschaftlichkeit oder Pragmatismus geprägt ist, war es wohltuend, wertvoll und beispielgebend, erleben zu können, dass auch Spiel und echtes Können, dass Persönlichkeit und Kunst noch Raum haben – und Publikum: Nicht oft erreichen Veranstalter ein Verhältnis von 1:50 im Vergleich von Akteuren auf der Bühne und Zuhörern im Publikum!
Und das Schönste: Das Geschenk geht weiter, denn auch in 2011 und 2012 wird Christina Meißner wieder nach Weißenburg kommen und uns dann die weiteren Suiten von Bach und Britten mitbringen.
…Eine breite Gefühlspalette von dramatischer Verzweiflung zu dultsamer Melancholie entlockte C.hristina Meißner dem Violoncello. Das Instrument entwickelte unter ihren Händen eine eigene Lebendigkeit, die nicht nur zu hören, sondern ihrem Spiel auch anzusehen war. Knut Nystedts „Stabat mater“ bot ein gewaltiges Klangspektrum, in dem der klagende Gesang des Chores mit dem intensiven Spiel der Cellistin zu einem berührendem Erlebnis verschmolz.
Auch als Solistin schuf Meißner Klangvielfalt. Gezupfte leise Töne steigerten sich zu einem schnellen Tanz über die gestrichenen Saiten, wurden abgelöst von kurzen dynamischen Schlägen und endeten in einer liebkoenden Geste, die als zarter Ruf noch lange im Raum haften blieb.
Bad Dürkheim
Suggestive Klänge in der Klosterkirche Seebach
Bereits mit den ersten Tönen von Bachs Suite Nr. 1 G-Dur ging ein Ruck durch das Auditorium ob der erstaunlich voluminösen Kraft des Cellos. Bachs Themen- und Ideenreichtum verwandelte die Musikerin in glänzendes Pathos, leuchtete in unglaublicher Resonanz und Präsenz den ganzen Chorraum aus. Die Schönheit ihrer Artikulationen und die fein empfundene Tiefe von Präludium und Allemande wechselten über die leichtfüßig lebendige Courante zur fast wehmütigen Macht der Sarabande, die von tänzerischem Vergnügen und temperamentvoller Intensität in den Menuetten und der Gigue abgelöst wurde.
Es folgten ein grandioses Ausleben von Max Regers Suite Nr. 1 G-Dur. Meißners mitreißende Expressivität entführte im Vivace in tiefste Dimensionen, das spannungsreiche Adagio erlebte eine ungeheure Dramatik der Aussage und des Gefühls, während die abschließende Fuge herrlich kühne, klangfarbige Strukturen entwarf und dem Hörer ein grandioses, fast orchestrales Finale bescherte.
Christina Meißner bot darauf zwei moderne Kompositionen auf, um ihr phänomenales Können zu demonstrieren. „Nouns to Nouns II“ (1983) von Adriana Hölszky nach einem Gedicht von E. E. Cummings bietet neun verschiedene, kurze Sätze an, wo sich musikalische Zellen aneinanderreihen, jede für sich eigen in Motivik, Rhythmik, Klangfarbe, Dichte, Bewegungsart und Charakter. Für die Besucher war es eine vergnügliche, überaus pittoreske Exkursion. Die technischen Schwierigkeiten des Stückes spielten sich dagegen nie in den Vordergrund.
Eine Herausforderung für das Zuhörerohr war der letzte Beitrag, Menachem Wiesenbergs Fantasie „Monodialogue“ (1999/2005). Meißner entwarf verschlungene Bilder und die Synthese, die sie mit kraftvoller, vokalisierender Singstimme herbeiführte, war sensationell.
Landau
Mit ihrem Programm „Überblendungen“ demonstrierte Cello-Solistin Christina Meißner bei einem Benefizkonzert in der Katharinenkapelle eindrucksvoll die hohe Kunst, aus physikalischen Schwingungen hörbare Klangbilder zu formen. Gefühls- und ausdrucksstark interpretierte sie Kompositionen aus 350 Jahren und führte ihre Zuhörer durch schier grenzenlose Möglichkeiten des Streichinstrumentes in eine neue, sinnliche Klangerfahrung.
…die Akustik in der Kapelle ließ die sonoren Grundtöne tief und beruhigend durch den Körper strömen. In meisterlicher Technik machte Meißner dem Publikum das reichhaltige Teiltonspektrum des Violoncellos erlebbar, erzeugte beispielsweise durch Flageoletttöne höhere Frequenzen und ließ Obertöne hörbar schwingen. Sphärische Klänge, Trällern, Zirpen, Ton-Perlenketten, Achterbahnfahrten von Tonreihen in rasantem Tempo, Anschlaggeräusche, Vibrationen erweiterten den musikalischen Ausdrucks als emotional wahrnehmbare, hörbare Physik.
Hoch konzentriert versank Christina Meißner mit geschlossenen Augen in ihrem leidenschaftlichen Spiel – und auch die Zuhörer taten gut daran, die Lider zu schließen, um den Klang über das Unhörbare hinaus zu fühlen. Mal schien eine Harfe zu erklingen, mal ein Cembalo oder eine Geige schien zu fiedeln, dann wieder – beispielsweise in György Ligetis Sonate für Violoncello solo – ein ganzes Klezmer-Orchester. Tatsächlich aber produzierte die virtuose und experimentierfreudige Künstlerin all diese Klänge auf einem einzigen Instrument, einem Violoncello aus auffallend dunklem Holz. Am leichtesten fiel die emotionale Einfindung in ein fast nur aus Obertönen komponiertes Werk des Sizilianers Salvatore Sciarrino: „Ai limiti della notte“ – „An den Grenzen der Nacht“ erwacht der neue Tag im heißen Sizilien, das tiefe Rot des Sonnenaufgangs weist bereits auf die glühende Mittagshitze hin, dumpfer „staubiger“ Klang symbolisiert die Trockenheit dieser Landschaft. In den Schwingungen der Obertöne flirrt die Hitze vor dem geistigen Auge und Schwärme lästiger Mücken schwirren vor dem Gesicht.
Bautzen
Adaptionen für außergewöhnliche Besetzung
Feinsinniges Wechselspiel barocker Empfindsamkeit begrüßte im Sorbischen Museum auf der Ortenburg die zahlreichen Gäste des Bautzener Kammerkonzertes. Die Cacona von Georg Muffat erklang in ungewöhnlicher Besetzung. War ruhiges Herantasten aufblühender Freude, die von Christina Meißner (Violoncello) und Claudia Buder (Akkordeon) aus Weimar gezaubert wurde. Beide Künstlerinnen stammen aus Sachsen, sind Mitglieder des Ensembles Klangwerkstatt Weimar und pflegen ein weiträumiges Musikspektrum von Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert.
Blumenstrauß des Frühlings
Claudia Buder, seit 2007 Professorin an der Musikhochschule Weimar, spann den Leitfaden zu den Hörerlebnissen, die sie als Blumenstrauß des Frühlings ankündigte. Zumeist Adaptionen, Bearbeitungen für die außergewöhnliche Besetzung, folgte mit dem Stimmungsreichtum der Romantik Cesar Francks „La Procession“, wo über dunklem Akkordeonteppich heller Celloglanz hauchzarte Freundlichkeit malte, zu Klangballungen wuchs und sich in Stille verflüchtigte.
Einmalige Qualität des Spiels
Als barocke Perle angekündigt, begeisterten sich die Besucher an Bachs Sonata Nr. 2, D-Dur BWV 1028, deren Viersätzigkeit neue Klangwelten erschloss. Einem Adagio der Sanftheit folgten rhythmisch-tänzerische Allegrofreude und inniges Adagioweben, das in wetteifernder Klangfarbenvirtuosität einzigartig gelang.
„Intermezzo“ von Isang Yun (1917-1995) entstand 1988 und verband asiatische und europäische Elemente zu einem modernen Dialog, der die Künstlerinnen zu starker Körpersprache mit ihren Instrumenten herausforderte. Glissandi flutschten, Tremoli flirrten Silber aus dem Knopfakkordeon. Scharfe Cellotöne und dissonante technische Finessen beeindruckten die einmalige Qualität des Spiels.
Arvo Pärts „Spiegel im Spiegel“ von 1978 dann als Gegenstück dazu: Stille, Schlichtheit von Dreiklangsbrechung, enorm reduzierte Harmonie als Fluss der Zeit, als Spiegel im Spiegel. Gefällige Cellowärme.
Ein Gespinst der Stille, der Meditation. „Le Grand Tango“ vom Argentinier Astor Piazzolla (1921-1992) beschloss mit dem Markenzeichen des Tango Nuevo den Konzertabend. Ausgefeilt auch hier die Bearbeitung, die Feuer, hart packende Rhythmik und Celloleidenschaft war, die Tiefe traf und zum blutroten Tangoschrei wuchs.
Und für die Blumen und den rasanten Applaus gab’s noch die faszinierende Zugabe: Habanera von Maurice Ravel.
Baden Baden
Man könnte das Solokonzert mit Christina Meißner am Sonntagabend in der Stadtkirche auch als Cellomeditation beschreiben. Mit einem Programm, das nach dem Motto „Überblendungen“ Musik des 17. und 20. Jahrhunderts mit jüngsten Arbeiten zeitgenössischer Komponisten verband, vermittelte die Künstlerin den leider nur wenigen Besuchern eine ganz neue Welt der Klänge. Als Solistin ist Christina Meißner in Fachkreisen hochgeachtet. Als Mitbegründerin des Ensembles „Klangwerkstatt Weimar“ – denn aus dieser Stadt kommt sie - hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, auch zeitgenössischer Musik den Weg zu verdienter Aufmerksamkeit und Akzeptanz beim Publikum zu ebnen. Das gelingt ihr, wie jubelnde Rezensionen und anerkennende Testate aus Fachkreisen belegen. Nicht zuletzt machte der Soloabend in der Stadtkirche diese Feststellung erlebbar. Vier Ricercari des Bologneser Cellisten Domenico Gabrielli (1651-1690), eine Sonate von György Ligeti (1923 – 2006), ein „Naturbild“ des 1947 geborenen italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino und die Suite Nr.4 von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) bildeten sozusagen die Bausteine, die René Mense, Jahrgang 1969 zu der 2008 entstandenen Studie „Überblendungen“, verwandte. Der Name „Überblendungen“ weist darauf hin, dass er nicht in chronologischer oder stilistischer Abfolge einzelne Sequenzen aneinanderreihte oder aufeinanderschichtete. Vielmehr inspirierten ihn einzelne Elemente zu einer höchst virtuosen Komposition, die das jeweils Typische der Originalhandschrift in eine eigene musikalische Kalligraphie einfließen lässt. Bediente die Bach-Suite vertraute Hörgewohnheiten, die dank der differenzierten und inspirierten Interpretation dem Ohr schmeichelten, so illustrierte Christina Meißner mit vielstimmigem Obertongesang ihres mehr als zweihundert Jahre alten Instruments die Schilderung eines erwachenden Tages, die Salvatore Sciarrino „Ai limiti della notte“ nannte. Mit zarten Tönen und Geräuschen weckt das Cello die Vorstellung an erste Vogellaute, Zirpen und Surren von Insekten und dem Erwachen der Natur, das sich im großen Morgengesang vereinigt. Die Kunstform des Ricercar, das sich im 16. Jahrhundert als instrumentales Pendant zum vokalen Aufbau der Motette entwickelte, wie es mit Meißner mit großer Virtuosität und sonorem Celloton am Werk Gabriellis demonstrierte, verwandte auch György Ligeti. Seine Sonate, die diese Motivimitationen aufgreift, faszinierte durch imaginäre Dialoge, die Christina Meißner technisch anspruchsvoll und musikantisch brillant auf vielfältige Weise zum Ausdruck brachte.
Christina Meißner: eine Cellistin mit vielen Tugenden
Heilbronn - Gebannte Stille in der Kilianskirche. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer ruht beim fünften Heilbronner Sommerkonzert ganz auf Christina Meißner (Violoncello). Mit ihrem kostbaren Instrument aus dem späten 18. Jahrhundert beherrscht die in Weimar ausgebildete Cellistin mühelos den Raum, ausgesprochen sonore Basslagen lassen sogar den Boden unter den Füßen mitschwingen.
Dies spürt das Publikum besonders bei den vier Ricercari (1689) von Domenico Gabrielli. Mal ausgreifend wuchtig, mal versponnen verkleinert wirkt die Melodik, wechselt zwischen ariosem Schwung und frühbarocker Gesprächigkeit. Hurtige Lagen-wechsel und virtuose Griffe zeugen von souveräner Technik, gestalterische Wärme erfüllt jeden Bogenstrich.
Noch in Budapest schrieb György Ligeti eine Sonate für Violoncello, die noch nichts vom späteren Avantgardisten verrät. Aber Meißner lässt den kompositorischen Schalk im Nacken deutlich aufblitzen, wenn im „Dialogo“ aufmüpfig verschliffene Pizziccati den großen Ernst der neobarocken Linie aufbrechen. Ungarisches Tanzmaterial färbt ein burleskes „Capriccio“. Den Übergang von einer heißen Nacht zu einem heißen Tag schildert Salvatore Sciarrino in „Ai limiti della notte“ (1984). Flirrende Flageoletts und fragile Obertongebilde stehen im Raum, verlieren sich im nächtlichen Dunkel, zart schimmert die Morgenröte herauf: Meißner entlockt ihrem Instrument hier meditative Vielfarbigkeit.
Behutsam Versatzstücke des Programms verarbeitet René Mense in seiner kurzen Studie „Überblendungen“ (2008), doch hinterlässt gerade das titelgebende Stück des Konzerts formal den schwächsten Eindruck, da sich Fremdes nicht überzeugend ins Eigene zwingen lässt.
Es-Dur ist bei Streichern wenig beliebt, umso konzentrierter geht Christina Meissner bei Bachs Suite Nr. 4 BWV 1010 nochmals an die Arbeit, feilt an heiklen Klangbereichen, arbeitet eine melodische wie rhythmische Faktur heraus, die ohne Detailverliebtheit musikantisch im Raum steht.
Fast behutsam wird das Prélude ausgeschritten, deutlich treten Septimsprünge in der Allemande hervor. Rhythmisch befreit schnurrt die Courante ab, von den beiden Bourrées tummelt sich die zweite in faszinierend tiefen Lagen. Die Gigue zieht die Summe, auch aus den vereinten Spieltugenden von Christina Meißner. Viel Beifall von leider viel zu wenig Händen.
Friedrichshafen
…Ohne Berührungsängste präsentierte sich die Ausnahmemusikerin Christina Meißner im Umgang mit zeitgenössischer Musik...Dass die Cellistin trotz ihrer Liebe zu zeitgenössischer Kunst auch mit barocker Kunst umzugehen weiß, zeigte sie in Bachs Suite Nr. 6. Durch ihr akkurates und trotzdem mit unglaublichem musikalischen Gespür vesehenes Spiel präsentierte sie sich als meisterhafte Bach-Interpretin.
…Christina Meißner musiziert ungemein spannungsvoll und konzentriert. Dabei lässt sie völlig vergessen, dass die von ihr ausgewählten Werke höchste technische und musikalische Anforderungen stellen … ihr klangfarbenreiches Spiel … Töne in allen Lagen erfüllen den Raum mit Licht, Wärme und Wohlklang … wählte für die beiden Gavotten einen Weg zwischen gesanglichem Ausdruck und tänzerischer Bewegtheit und ließ ihr Instrument in der abschließenden Gigue geradezu vor Freude jauchzen.
…Versonnen lauschten die Besucher der Musik der Künstlerin, die mit dem Klang ihres Cellos die Herzen der Zuhörer bewegte – so als sei es das Einfachste von der Welt… Spielerisch hüpfte, tanzte, glitt der Bogen über die Saiten –mal laut, dann leise, schließlich nur ein Hauch von einem Ton erschwingend… Besonders faszinierte, wie sich durch ihr leidenschaftliches Spiel unterschiedliche Stimmungen so aufbauten, dass der Funke übersprang und die Besucher einfing…
…das Maß an Verinnerlichung hat Faszinationskraft, ihre Zuhörer zu überzeugen … wunderschön die dunkle Klangfarbe im unteren und bezaubernd weich im oberen Klangspektrum … gekennzeichnet durch innere Ruhe und melodische Schönheit, die ihren Bezugspunkt in der Versenkung der Schlichtheit findet…
…fesselte Christina Meißner die Zuhörer in jedem Augenblick und mit jedem Takt und Ton… schuf sie ein musikalisches Kraftfeld, das in überströmender Weise die Zuhörer erreichte und größten Gewinn für Psyche und Geist brachte… Da musste sich die Begeisterung in Bravo-Rufen Luft machen…
…wenn es so kongenial in Klang gesetzt wird wie von der Weimarer Cellistin Christina Meißner, macht der musikalische Ausflug quer durch die Jahrhunderte richtig Spaß…, griff weit vor in jene leidenschaftliche Experimentierfreude … läßt harmoniegewohnte Ohren schwelgen … leidenschaftlich, experimentierfreudig und ambitioniert … ein ebenso instruktiver wie sinnlicher Brückenschlag…
…streckenweise meinte man, eine Harfe zu hören, dann wieder Geigenlaute. Kaum zu glauben, daß die Töne von einem einzigen Cello hervorgebracht wurden, das zuweilen temperamentvoll und beschwingt wie ein kleines Zigeunerorchester klang. Einfach fabelhaft … frisch und voller Improvisationslust klangen die Bachschen Kompositionen … gefühlvolle und ausdrucksstarke Interpretation … zahlreichen Zuhörern einen unvergesslichen Abend bescherend…
…erfrischend und innig war das Spiel … sie entpuppte sich als höchstrangige Künstlerin, die Musik mit jeder Nervenfaser lebt und darbietet … in absolut leicht und unbeschwert klingender Virtuosität „sang“ sie mit brillant glänzendem Ton bezaubernd schön … langer fußstampfender Beifall mit anhaltenden Bravo-Rufen holte die Solistin mehrmals auf die Bühne…
klang
sinn
erfahrung
eine reise auf dem violoncello
mit forschergeist
mit experimentierfreude
auf der suche nach unerhörtem
voller leben
Das Cellospiel von Christina Meißner wird zu einer Begegnung, die festgefahrene Begrifflichkeiten zugunsten eines erfrischenden Erlebens auflöst.
Ein Fest der Musik für alle Klänge des Lebens. Diese in ihrer Qualität hörbar werden zu lassen, heißt, die Tiefe des Seins zu erkunden. Dazu gehören Mut und Offenheit. Mit hingebungsvoller Präsenz schafft Christina Meißner künstlerische Räume, die in ihrer Eigenart unverwechselbar und hörenswert sind.
Christina Meißner, geboren in Zabeltitz, aufgewachsen im sächsischen Stolpen, erhielt ihre künstlerische Ausbildung in Weimar an der Hochschule für Musik Franz Liszt, wo sie seit vielen Jahren auch lehrend tätig ist. Entscheidende künstlerische Impulse erhielt sie unter anderem von Stanislav Apolin in Prag und von Anner Bylsma in Amsterdam.
Als Mitbegründerin des Ensembles klangwerkstatt weimar prägte sie über ein Jahrzehnt die künstlerische Qualität der musikalischen Arbeit des Ensembles in Kooperation mit namhaften zeitgenössischen KomponistInnen wie Isang Yun, Toshio Hosokawa, Georg Katzer, Isabel Mundry, Helmut Lachenmann, Rebecca Saunders oder auch Georg Crumb. Des weiteren arbeitete sie mit Adriana Hölszky, Peter Eötvös, Salvatore Sciarrino sowie Klaus Huber zusammen. Von Younghi Pagh-Paan, Chaya Czernowin, Lisa Streich, Martin Rane Bauck und John Palmer sind in letzter Zeit neue Werke für sie entstanden.
Ihren solistischen Weg dokumentieren eine Reihe von CDs, die einen farbenreichen Bogen von der Renaissance bis zur Moderne spannen.
Claudia Buder
Mein Cello und ich
Ich verbinde mich mit meinem Instrument.
Dabei treten Widerstände auf. Ich heiße sie willkommen und suche nach Wegen, mit ihnen zu Schönem zu finden.
Schönheit bedeutet für mich, dass alles seinen Platz findet.
Das Kantige neben dem Schmeichelnden, das Luftige wie das Raue, das Vergangene und das Gegenwärtige.
Ich liebe es, den Konzertabend so zu gestalten, dass er die Möglichkeit eröffnet, Kompositionen verschiedener Zeiten durch ihre Nachbarschaft neu zu beleuchten, die Qualität eines Stückes in diesem Kontext neu zu entdecken und zum Hören zu bringen.
Ich will Geschichten erzählen
Ich will im Augenblick vergessen machen
Ich will die Kraft der Zeitlosigkeit teilen
Für ein Treffen
Dazwischen
Christoph Friedrich Hunger,
geboren 1718 in Borstendorf, gestorben 1787 in Leipzig.
Er war der Sohn von Samuel Hunger und Schüler von A. B. Jauch in Dresden,
bis 1760 in Borstendorf tätig, dann in Leipzig, vermutlich bei Johann Christian Hoffmann. Nach dessen Tod übernahm er die Werkstatt.
Er arbeitete nach den italienischen Vorbildern und baute Bratschen und Violoncelli. Seine beste Schaffenszeit sind die späten Jahre des 18. Jahrhunderts. Sein Lack ist gewöhnlich hellgelb, dunkelt aber oft nach.
Seine Arbeiten kommen selten vor.
Fotos: Constanze Wild und Guido Werner
Plakat: Michael Geyersbach
Christina Meißner
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CD-Bestellungen bitte per Mail.
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cello.meissner@gmail.com
Christina Meißner
Tobias Wolf (tobiaswolf.me)
Guido Werner
Constanze Wild
elisabeth am see
Michael Geyersbach
Benjamin Strauch
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